Immer noch auf dem Weg in die Chiquitania, Montag, 6. Februar 2017, 9:40 Uhr

Es hat die ganze Nacht durch geregnet. In der Früh hörte es Gottseidank auf. Aber jetzt ist es wesentlich frischer. Bei weitem hat es keine 26 Grad mehr, wie noch in der Nacht, als ich mich schlafen legte. Der Himmel ist vollständig bewölkt. Gut, dass ich mir doch noch eine Jacke und die Schuhe mitgenommen habe. Ich hatte überlegt, die wärmeren Sachen in der Pfarrei Fátima zurückzulassen, denn dann würde mir der kleine Rucksack für die nächsten zwei Tage reichen.

Es geht durch einen völlig ebenen Landstrich. Alles grün. Viel Wiesen und Äcker. Wir kommen auch an Reisfelder vorbei. Vereinzelt ein paar Palmen. Einzelne kleine, aber auch größere Höfe liegen neben der meist asphaltierten Straße. Die Gegend ist anscheinend stark von der Landwirtschaft geprägt. In den Höfen stehen oft recht große Maschinen wie Mähdrescher, Sähmaschinen, Pflüge und anderes. Je weiter wir ins Land fahren, desto einfacher, ja primitiver werden die Siedlungen und Gehöfte. Oft bestehen sie nur aus winzigen Lehmhütten mit grad mal einem Raum.

Die Straße führt manchmal kilometerweit, schnurgerade auf dem flachen Land dahin. Manchmal kommen wir durch kleine Ortschaften. Dann kommt sofort ein Schwung Straßenhändler, die uns Getränke, Obst, Gepäck oder Süßigkeiten durch’s Fenster anbieten. Hier auf dem Land ist alles viel einfacher, auch schmutziger, weil die Straßen in der Regel nicht befestigt sind. Nicht so modern und aufgeräumt, wie in der Millionenstadt Santa Cruz. Alles mögliche sammelt sich neben der Straße, von Händlern, Marktständen und Werkstätten bis zu Hunden, Hühnern und anderen Tieren.

Jetzt kommen wir also ins Hinterland.

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Von Santa Cruz auf dem Weg in die Chiquitania, Montag, 6. Februar 2017, 8:34 Uhr

Was genau ist eigentlich der Unterschied? Gibt es überhaupt einen Unterschied? Die Kirche war bis auf ein paar wenige Bänke gefüllt, als ich gestern um 8:30 Uhr eine Messe in der Pfarrkirche von Nuestra Señora de Fátima in Santa Cruz gefeiert habe. P. Juan Carlos, der Pfarrer, fragte mich am Abend davor, als wir bei einem Gläschen bolivianischen Rotwein zusammen saßen, ob ich eine Messe übernehmen könnte, dann würde ich sie ein wenig entlassen. Ich sagte natürlich gern zu, auch wenn die Anfrage etwas kurzfristig kam und ich ja nicht mehr viel Zeit für eine ordentliche Vorbereitung hatte. Es war bereits die zweite Sonntagsmesse in der Pfarrkirche. Die um 7 Uhr ist in der Regel noch mehr besucht, genauso wie die um 19 Uhr, klärte man mich später auf. Es waren drei Ministranten da. Natürlich auch eine Mesnerin. Sie erklärten mir ganz genau, wie es hier bei ihnen üblich ist. Und dann waren da noch zwei Frauen, die mit ihren Kommentaren durch den Gottesdienst führten, zwei Lektoren, drei Kommunionhelfer und ein Gitarrist (Er war dieses Mal allein, weil die anderen der Musikgruppe in Ferien sind).

Bevor wir den Gottesdienst beginnen, werde ich herzlich begrüßt und vorgestellt. Bei den Liedern singen alle kräftig mit. Oft wird auch der Rhythmus dazu geklatscht. Es gibt keine Liederbücher oder Zettel, die Lieder sind bekannt und werden auswendig gesungen.

Bei der Predigt nehme ich das Mikrofon in die Hand und geh vom Ambo weg an die Altarstufen, so bin ich den Leuten in den ersten Reihen ganz nah. Ich möchte ihnen näher sein, mich nicht hinter dem Ambo verschanzen. Es kommt mir von den Gläubigen so eine interessierte und unmittelbare Aufmerksamkeit entgegen. Ich spreche frei. Mit sichtbar offenen Augen und Ohren sind sie ganz bei mir. Ich werde mir plötzlich auch meiner Verantwortung bewusst.

Es ist diese unmittelbare Nähe, scheint mir, die ich in den Gottesdiensten hier viel stärker spüre, als bei uns in Europa. Wir sind uns richtig auf Berührung nahe, die Gläubigen und ich, aber auch die Gläubigen untereinander. An Stelle eines unpersönlichen, strengen Ritus steht ein lebendiges, sehr emotionales Feiern. Trotzdem hat aber alles auch seine Ordnung. Die Handlung wird keinesfalls dem Zufall oder der Spontanität überlassen.

Auf die erste Altarstufe wurde eine ganze Menge persönlicher Dinge abgestellt: Plastikflaschen mit Wasser, Rosenkränze, Marien- und Jesusbilder, Fotos von Verstorbenen. Mit diesen Andachtsgegenständen sind auch deren Besitzer die Messe über ganz nah am Altar. Am Ende des Gottesdienstes, nach dem Schlusssegen, kommen alle an die Altarstufen. Ich werde von den Ministranten freundlich aufgefordert, die Gläubigen mit Weihwasser zu besprengen und zu segnen. Zwei- bis dreimal muss ich die Reihen abgehen, bis jeder das bei der Hitze wirklich erfrischende Weihwasser im Gesicht gespürt oder von mir die Hände aufgelegt bekommen hat.

Ja, es ist die Nähe, die unseren Glauben in den Gottesdiensten hier in Lateinamerika viel intensiver spürbar macht. Und so konkret, wirklich. Die Liturgie verkriecht sich nicht in eine künstliche und sterile Theorie. Und vielleicht ist es auch genau das, was unsere Kirche überall auf der Erde noch viel mehr bräuchte, Nähe. Weil es genau das ist, was die Menschen überhaupt brauchen. Nähe. Gott hat kein Problem damit, uns völlig nah zu kommen.

Irgendwo auf der Strasse nach Santa Cruz, Samstag, 5. Februar 2017, 14:23 Uhr

Es ist der Wahnsinn, wie unser Busfahrer rast. Wir sind mit einer halben Stunde Verspätung abgefahren. Ein paar der Reisenden haben schon gemurrt. Eine Person fehlte noch. Endlich war auch sie da. Dann ging’s los.

Aus Monteagudo sind wir schnell raus. Der Ort, eine Stadt mit ca. 20.000 Einwohnern, ist verhältnismäßig klein. Wir verlassen über die Hauptstraße das Städtchen. Passieren noch einmal die bunten Reihenhäuser mit ihren Terrassen und den typischen Vordächern. Im Schatten der Vordächer sitzen alten Frauen oder Kinder und bieten gelangweilt ihre Waren an. Die Bilder erinnern mich an Western-Filme.

Die Straße führt aus dem Tal hinaus in die Höhe. Sie ist im Grunde noch eine Baustelle. Der Bus fährt auf feinem Sand. Rutscht deshalb auch hin und her. Alle 100 Meter steht eine riesige Baumaschine im Weg, der wir ausweichen müssen. Wir elf Mitfahrende fallen wie träge Sandsäcke von einer auf die andere Seite. Mein linker Nachbar, ich schätze ihn auf 16 Jahre, schläft bald ein. Sein Kopf landet auf meiner linken Schulter.

Man hat mir einen Platz auf der letzen Bank zugewiesen. Fensterplatz. Ich bin froh. Hab nur einen Nachbar und eine gute Sicht. Das heißt, die Sicht ist ziemlich eingeschränkt, da die Fensterscheibe mit einer dunklen Folie zum Schutz vor der Sonne überzogen ist. Und ich möchte das Fenster nicht öffnen, weil es sonst so brutal rein staubt. Es reicht schon, dass die anderen Fenster im Bus geöffnet sind und den dichten Staub von draußen ansaugen.

Wir fahren über zwei Stunden durch einen dichten Wald. Die Straße schlängelt sich durch tiefe Täler. Manchmal ist sie nur geschätzte zwei Meter breit, rechts neben mir geht’s gefühlte Hunderte von Metern den Hang hinunter. Dass der Chauffeur wie die Sau fährt – mir fällt kein passender Ausdruck ein -, habe ich schon erwähnt. Gut, dass ich von meiner letzten Bank nur wenig sehen kann. Es geht über hohe Hügel. Die ganze Strecke ist Baustelle. Irgendwann sehe ich, dass ein Tunnel gegraben wird. Anscheinend soll in Zukunft ein großer Teil der Strecke untertunnelt sein. Eigentlich schade, denn die Landschaft ist herrlich. Über die Täler hinweg hat man manchmal eine fantastische Aussicht. Der Himmel ist nur mit ein paar kleinen Wolken bedeckt, die Luft klar und frisch.

Endlich erreichen wir eine befestigte Straße. Ob es eine Beton- oder Teerdecke ist, kann ich nicht erkennen. Der Fahrer kann jetzt noch mehr auf die Tube drücken, was er dann auch mit Begeisterung tut. Wir haben die Täler verlassen und kommen in eine weit Ebene. Gleichzeitig wird die Landschaft wesentlich dürrer und ausgetrockneter. Die Lufttemperatur ist inzwischen bestimmt bei über 30 Grad. Längst habe ich wegen der Hitze das Schiebefenster ständig offen, egal wieviel Staub hereindrückt und wie sehr mir die Haare ins Gesicht flattern.

Verrückt, nun bin ich schon fast drei Wochen in Chile und Bolivien, und es kommt mir vor, als wäre ich erst ein paar Tage unterwegs. Was ich alles schon erlebt habe! Wieviele Menschen ich kennengelernt habe! Wo ich schon überall war! Irgendwie komme ich fast nicht mit, das alles zu reflektieren und zu verarbeiten. Von wegen hier alles nieder zu schreiben. Diese Welt, in der ich da eingetaucht bin, ist so wahnsinnig verschieden zu der Welt, aus der ich komme. Aber es fällt mir leicht, mich ihr anzuvertrauen, mich in sie fallen zu lassen.

Wir fahren in Santa Cruz ein. Kilometer lang geht es über mehrspurige Straßen durch stinkende Industriegebiete in die größte Stadt Boliviens. 1,5 Millionen Menschen leben hier. Sehenswürdigkeiten gibt es anscheinend so gut wie keine. Sie ist erst in den letzten Jahrzehnten so angewachsen und zu dem Moloch geworden. Das Wochenende möchte ich hier bleiben, am Montag werde ich mich dann auf den Weg in die Chiquitania machen und dort die Jesuiten-Reduktionen aus dem 17./18. Jahrhundert besuchen.

Muyupampa, Samstag, 4. Februar 2017, 10:45 Uhr

Und weiter geht’s.

Ich bin auf abenteuerlicher Busfahrt von Monteagudo nach Santa Cruz. Nach der verspäteten Abfahrt um 9 Uhr machen wir einen kurzen Stopp in Muyupampa. Einen ganzen Tag war ich in Monteagudo, der Pfarrei von Christof Mikolajetz. Mit ihm fahre ich am Donnerstagnachmittag die sechs Stunden im Auto von Sucre nach Monteagudo. Gottseidank war die Hälfte der Strecke im vergangenen Jahr ausgebaut worden. Der zweite Teil ist aber noch Baustelle oder alte Schotterpiste. Gut, dass es die letzte Strecke schon dunkel ist und ich die gefährlichen Abhänge neben den Straßenrändern nicht sehe.

Mit der Kleinstadt Monteagudo beginnt der Chaco, eine trockene Tiefebene, die sich bis nach Paraguay hinein erstreckt. Die Temperaturen steigen noch höher, als sie in Sucre schon waren. Am Schluss fahren wir durch tiefe Täler, die alle dicht bewaldet sind.

Seit drei Jahren ist Christof hier Pfarrer und Bischofsvikar für die Region. Mit einem Kaplan betreut er die knapp 20 Ortschaften, die zum Teil über drei Autostunden vom Pfarrhaus entfernt liegen. Manche sind auch nur mit dem Pferd oder dem Motorrad zu erreichen. Ende Februar kommt noch ein dritter Priester, der mithelfen soll.

Stadt und Pfarrei sind geprägt von jungen Leuten. Monteagudo ist Verwaltungsstadt für die Gegend. Es gibt neun Gymnasien. In einer junger Stadtrandsiedlung haben sie im vergangenen Oktober begonnen, eine neue Kirche zu bauen. Die Grundmauern stehen bereits. Der Bau wird zum größten Teil von Adveniat, dem Lateinamerikahilfswerk der deutschen Bischöfe, finanziert.

Ein paar Kilometer außerhalb Monteagudos ist ein kleines Krankenhaus. Es wurde vor 50 Jahren von dem damaligen Pfarrer Leo Schwarz gegründet (später war er Geschäftsführer von Adveniat, dann Weihbischof von Trier). Das Krankenhaus spezialisierte sich auf Lepra, was damals hier noch sehr verbreitet war. Inzwischen ist diese Krankheit weitestgehend bekämpft. Trotzdem ist man aber immer noch auf Hautkrankheiten spezialisiert. Die Klosterschwestern, die das Krankenhaus führen, bekamen gestern hohen Besuch aus Deutschland: der theologische Referent des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Trier, ein Bundestagsabgeordneter und eine Frau aus der deutschen Botschaft in La Paz. In Zukunft sollen die beiden Krankenhäuser in einer Partnerschaft sich gegenseitig bereichern und unterstützen.

Busbahnhof von Monteagudo, Samstag, 4. Februar 2017, 7:47 Uhr

In Sucre begegne ich bis jetzt am intensivsten der Kultur der Indigenas Boliviens. Die Führerin in der Casa de la Liberdad hat ganz stolz darauf hingewiesen, dass in Bolivien über 30 verschiedene Völker existieren. Kulturen mit ganz eigenen Traditionen und zum Teil eigenen Sprachen. Diese Indígena-Kulturen wurden lange Zeit überhaupt nicht geschätzt, ja oft bewusst unterdrückt. Auch die indígenas selber schämten sich nich selten ihrer Herkunft. Die indigenen Kulturen galten als primitiv. Erst in jüngster Zeit wird man sich seiner Herkunft langsam bewusst und fängt an sie zu schätzen. Die Regierung Evo Morales hat deshalb diese multikulturelle Beschaffenheit Boliviens auch im Namen ausdrücken wollen, Estado Plurinacional de Bolivia. (Wobei es sich ja eigentlich nicht um diverse „Nationen“ im politischen Sinn handelt, sondern eher um Völker.)

Im Franziskanerkloster La Recoleta und im benachbarten Museo de arte indígena, das ich am Mittwochvormittag besichtige, lerne ich Sucres aufregende Kirchengeschichte mit seiner interessanten Kultur kennen. Auch hier wieder eine prächtige Kirche mit kolonialem Prunk, wie ich ihn eigentlich nicht zum franziskanischen Geist passend finde. Vier Kreuzgänge oder Patios verbinden die verschiedenen Gebäuden, sie bieten den Brüdern und den Besuchern angenehmen Schatten und Ruhe.

Im kleinen Museum werden auch Musikinstrumente und Originalpartituren aus dem 18. Jahrhundert ausgestellt, Noten für Orgel, Motetten und Messen für mehrstimmigen Chor. In den Gottesdiensten der jungen Kirche Boliviens muss also große Barock-Musik erklungen sein. Auch im Diözesanmuseum, das mir am Donnerstag gezeigt wurde, habe ich wieder ähnliche, alte und vergilbte Partituren gesehen. Adolfo sagte mir, dass es auch an der Kathedrale eine sehr ausgeprägte und hochwertige Kirchenmusik gab.

Äußerst interessant finde ich aber vor allem das Museum der indigenen Kunst. Eine Frau sitzt am Webstuhl und lässt langsam ein Tuch mit den kunstvollen Bildern und Symbolen entstehen. Es sind ganz feine Zeichnungen, die fast an moderne, abstrakte Monogramme erinnern. Und auch hier wieder unterschiedlichste Musikinstrumente.

In Sucre treffe ich mich mit einem Neffen von Lourdes, meiner Hausfrau in Barcelona. Sie stammt aus Culpina, wohin meine Reise nächste Woche gehen wird. Jose Luis ist ein Sohn Hildas, der ältesten Schwester von Lourdes, und studiert an einer der vielen Universitäten Sucres Informatik.

Monteagudo, Freitag, 3. Februar 2017, 17:37 Uhr

So, inzwischen bin ich tief in Bolivien angekommen. Nach nur einem Tag in La Paz, geht’s am Dienstagmorgen gleich weiter nach Sucre, der nominellen Hauptstadt Boliviens. Das Klima ist wesentlich wärmer und angenehmer als in La Paz, da es merklich niedriger liegt. Der relativ neue Flughafen liegt weit außerhalb der Stadt. Mit einem Mikrobus – besetzt mit 16 Personen – bin in einer halben Stunde im Zentrum der Stadt.

Die erste wirkliche Kolonialstadt, in die ich auf dieser Reise komme. Die Häuser (fast) alle weiß verputzt und gestrichen, die Dächer mit roten Ziegeln abgedeckt. Das Stadtbild erinnert mich ziemlich stark an Südspanien.

Adolfo Bittschi, der Weihbischof von Sucre, stammend aus Eichstätt, erwartet mich schon. Ich treffe ihn in seinem Büro im Arzobispado an. Hier hat er mir auch ein Zimmer vorbereiten lassen. Das erzbischöfliche Ordinariat von Sucre ist in einem wunderschönen zweistöckigen Kolonialgebäude untergebracht. Die verschiedenen Räume und Büros sind um einen hellen, mit viel Blumen und einem Brunnen geschmückten Innenhof angeordnet. Die Gänge und Balkone sind mit reich verzierten Fliesen gepflastert. In dem Zimmer, das mir Doña Linda vorbereitet hat, hat auch Papst Johannes Paul II bei seinem Besuch in den 80-er Jahren schon übernachtet. Was für eine Ehre also für mich.

Adolfo hat noch einige Dinge im Büro zu erledigen. Dann gehen wir zum Mittagessen in ein schönes, vornehmes Restaurant im Kolonialstil. Die Besitzer, gute Bekannte von Adolfo, haben uns eingeladen, als er vor ein paar Tagen erwähnt hat, dass er Besuch aus seiner Heimat bekommt.

Am Nachmittag schau ich mich etwas in der Altstadt um, vom Arzobispado sind es ja nur zwei Blöcke zum Plaza del 25 de Mayo. Nach einem sehr heißen Vormittag hat es nach Mittag – während der Siesta – mal kurz und heftig geregnet. Nun ist der Platz aber schon wieder bevölkert mit Liebespärchen, Leuten, die sich ausruhen oder auf jemanden warten, Kleinwahrenhändlern, Schuhputzern und ein paar vereinzelten Touristen. Die Kathedrale ist geschlossen. Dann besuche ich halt das Casa de la Liberdad. Eine junge Führerin zeigt uns mit patriotischer Begeisterung die Erinnerungsstücke des insgesamt noch sehr jungen Boliviens, das seit einigen Jahren nicht mehr „Republica de Bolivia“, sondern – veranlasst von der Regierung Evo Morales – „Estado plurinacional de Bolivia“.

Die schönste und sehenswerteste Kirche Sucres ist aber geöffnet und so kann ich sie besichtigen, la Iglesia y el Convento de San Felipe Neri. Nachdem ich den etwas versteckten Eingang gefunden habe, öffnet sich ein besonders sehenswerter zweistöckige Kreuzgang mit barocken Bögen. Sehr schön ist vor allem auch die Aussicht auf die Stadt, die man vom Dach der Kirche hat. In Sucre hat man Gottseidank etwas auf das Stadtbild geachtet und nicht zu viele dieser scheußlichen Hochhäuser bauen lassen.

La Paz, Montag, 30. Januar 2017, 19:13 Uhr

Karoline und Maruja haben mich gestern Nachmittag an den Flughafen gebracht. Der Abschied war ziemlich emotional. Nun war ich ja fast zwei Wochen in der Gemeinschaft. Irgendwie gehöre ich schon dazu. Und dann hatten wir wieder einen sehr schönen Gottesdienst in Cristo vive gefeiert. Danach gab’s Mittagessen bei den Schwestern, Fisch mit Reis. Da wächst man schnell und eng zusammen.

Mein Flug ging um 20:10 Uhr von Santiago. Nach einem Stopp von fast drei Stunden in Lima, landeten wir um halb vier, Ortszeit, in La Paz. Es war eiskalt. Karoline gab mir den Kontakt von Teresa Subiata. Bei ihr, bzw. in der Einrichtung Context könnte ich den Tag und die Nacht verbringen. Um 4 in der Früh traute ich mich sie natürlich nicht mehr anrufen. Deshalb hab ich es mir in einem grossen Ledersessel in der Flughafenhalle bequem gemacht. Ich bin auch gleich eingeschlafen.

Gegen sieben nahm ich mir ein Taxi, das mich in die Stadt hinunterfuhr. Gut, dass Karoline mir ein paar Tabletten gegen die Höhenschwäche mitgab. Auf dieser Höhe von 4.100 Meter hatte ich wirklich etwas Probleme mit der Atmung. Ungefähr eine halbe Stunde ging es durch Siedlungen hindurch, ständig nach unten. Faszinierend, wie diese Stadt in den Bergfalten hängt.

Im Haus von Context hat mich Hans schon erwartet, Teresa hatte ihn informiert. Context ist eine NGO, die sich um Mädchen und Frauen von der Straße kümmern. In dem Haus gibt es auch ein paar Gästebetten. In eines bin ich hineingefallen und hab bis 10 Uhr geschlafen.

Sabina, eine Mitarbeiterin, hat mir ein Frühstück vorbereitet. Edwin, ein Mitarbeiter, hat sich zu mir gesetzt und mir was zu der Einrichtung erzählt. Dann machte ich mich auf den Weg, schließlich wollte ich diesen einzigen Tag in La Paz ja auch was von der Stadt sehen. Ich gehe ins Zentrum, zur Kirche San Francisco. Ein prächtiger Kirchenbau im typisch kolonialen Barock. Ich weiß nicht, ob ich in Europa schon so eine große und prächtige Franziskanerkirche gesehen habe.

Zum Mittagessen treffe ich mich mit Teresa und Edwin. Sie erzählten mir von der Einrichtung und wir reden über die Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens. Hans fährt mich am Nachmittag noch ein paar Stunden durch die Stadt. Sie ist nicht mit Santiago zu vergleichen. Eher mit Quito. Die Straßen sind übervoll mit Verkehr, Bussen, Straßenhändlern, Passanten. Das Straßenbild ist eindeutig viel mehr kolonial und die Menschen andin. Am Abend hat es dann schnell wieder abgekühlt, während es den Tag über ziemlich warm war.

Morgenfrüh gehts dann schon gleich weiter nach Sucre. Edwin bringt mich zum Flughafen und Weihbischof Bittschi möchte mich abholen. Bin schon gespannt, was mich da alles erwarten wird.