Flughafen Iquique, Mittwoch, 15. Februar 2017, 18:43 Uhr

Bis Montag Abend war überhaupt nicht klar, wie und wann wir, Franziska und ich, von Cochabamba zurück nach Santiago kommen. Klar war nur, dass Franzi heute, Mittwoch, wieder arbeiten muss und mein Flug nach Barcelona morgen, Donnerstag, Mittag geht. In der letzten Woche habe ich immer wieder mal im Internet nach Flügen gesucht, wenn ich gerade Wifi hatte. Es gab Flüge, von Cochabamba, Sucre oder La Paz. Aber würden ein Vermögen kosten. Das kommt wahrscheinlich daher, dass wir immer noch mitten in der Ferienzeit stehen. Ich habe es dann einfach mal belassen, denn ich wusste ja auch bis vor kurzem noch nicht, wo genau in Bolivien ich diese Tage sein werde. Am Montagabend haben Karoline, Rosario, Carlos, der Direktor von Cristo vive Bolivia, und eine gewisse Marta Vic von Viña de Mar es schließlich geschafft, uns doch noch einigermaßen günstige Flüge von Iquique im Norden Chiles zu buchen. Und auch eine billige Busfahrt von Cochabamba nach Iquique. Das einzige „Problem“: wir kommen erst heute, Mittwoch, in Santiago an, wo doch Franzi heute schon arbeiten müsste. Ein kurzer Anruf von Karoline und auch dieses „Problem“ ist behoben. Und wir haben einen Tag mehr für Cochabamba!

Mit Karoline betrachte ich nach dem Frühstück das Tagesevangelium. Markus 2,23-28. Jesus sagt den Pharisäern „Der Mensch ist nicht für den Sabbat da, sondern der Sabbat für den Menschen“, als sie ihn kritisierten, weil die Jünger an einem Sabbat im Kornfeld Ähren pflückten und aßen. Es erstaunt mich immer mehr, in welch große Freiheit Jesus uns Menschen stellt. Er hebt die Gebote und Gesetze nicht auf. Er weiß ganz genau, wie wichtig Gebote und Gesetze für das Leben von uns Menschen in jeder Art von Gemeinschaft ist. Jedes Gebot hat aber einen tiefen Sinn und einen bestimmten Zweck. Den gilt es zu verfolgen und einzuhalten. Um den allein geht es. Und diesen tieferen Sinn der Gebote muss jeder, immer konkret in der jeweiligen Lebenssituationen herausfinden und dann befolgen. Damit macht Jesus uns das Leben und den Glauben nicht gerade einfach. Mit dieser Freiheit bürdet er uns eine riesige Verantwortung auf. Aber nur so werden wir dem Leben und den Menschen auch gerecht. Wie schade, dass gerade in der Kirche immer noch so viel Angst vor dieser Freiheit herrscht. Papst Franziskus wird Gottseidank – trotz massiver Widerstände – nicht müde, uns Christen an diese Freiheit und Verantwortung zu erinnern.

Karoline möchte mir unbedingt die Behinderteneinrichtung „Hogar del Sagrado Corazón de Cristo“ zeigen. Ein paar junge Klosterschwestern, zum Teil selber körperlich behindert und im Rollstuhl, betreuen hier gut 40 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit oft sehr starker Behinderung. Ein bewundernswerter Dienst, den die paar Schwestern mit ein paar Freiwilligen hier leisten. Karoline ist zu Tränen gerührt, als sie die Leiterin für diesen großartigen Dienst dankt.

„CATECA“ heißt die nächste Einrichtung, die mir Karoline auch noch unbedingt zeigen möchte. Der Bamberger Diözesanpriester Manfredo Rauh, der vor 3 Jahren starb und fast sein ganzes Priesterleben in Bolivien verbrachte, hat es errichtet. Es ist ein Haus zur Schulung der Katecheten aus den Quechua-Dörfern. Das ganze Jahr über werden mehrtägige Kurse angeboten. Kurse zu Themen der Katechese, Bibel und des Glaubens. Gleichzeitig bekommen die Campesinos aber auch Schulung in Themen der Landwirtschaft. Neben den Gebäuden befinden sich deshalb auch große Ackerflächen, wo verschiedenste Feldfrüchte angebaut werden. Das Herzstück des Zentrums ist die Kapelle. Sie wurde ausgemalt von dem Quechua-Künstler Severino Blanco. Er kommt aus dem Dorf, wo Manfredo Rauhs erste Pfarrei war. Die Kapelle ist voll mit Bildern, die Szenen aus dem Alten und Neuen Testament darstellen. Im Zentrum, hinter dem Altar, der auferstandene Christus, der dem Volk Gottes vorausgeht und auf uns zukommt. Der Stil der Bilder erinnert ein wenig an den argentinischen Künstler Adolfo Escribar und an den schwäbischen Priester-Künstler Sieger Köder. Bezeichnend ist, dass in den biblischen Darstellungen fast immer ein Bezug zur lateinamerikanischen Wirklichkeit hergestellt wird. Genauso finden sich zwischen den Bildszenen auch Porträts von lateinamerikanischen Märtyrern, wie Luis Espinal, Leonidas Proaño oder natürlich Erzbischof Oscar Romero. CATECA, ein fantastischer Ort, wo sich das Evangelium Jesu tagtäglich neu bei den Menschen dieser Gegend ausbildet. Das ist lebendige Inkulturation. Und die Kapelle in der Mitte der Anlage ist ein künstlerischer Ausdruck davon.

Karoline und Rosario bringen uns am Abend zum Terminal de buses. Es wird noch recht aufregend. Obwohl wir rechtzeitig dran sind und uns Rosario schon am Morgen die Tickets besorgt hat, platzt fast unsere Fahrt nach Iquique. Zuerst müssen wir eine halbe Stunde warten, dann heißt es plötzlich, die Fahrt wird gecancelt und wir bekommen das Geld zurück. Gottseidank gibt es direkt neben dem Büro des Busunternehmens gleich noch ein anderes, das für die selbe Uhrzeit auch eine Fahrt nach Iquique anbietet. Die letzten beiden Plätze sind unsere.

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