Camargo, Samstag, 11. Februar 2017, 20:57 Uhr

Die Wartezeiten an den Busbahnhöfen erweisen sich als ideale Gelegenheiten das zuletzt Erlebte zu reflektieren. Um halb zehn geht mein Bus von Camargo nach Cochabamba. Vorgestern Nachmittag bin ich hier von Sucre kommend angekommen.

In Camargo ist der aus der Diözese Regensburgstammende Otto Strauß Pfarrer. Mit seinen gut 70 Jahren lebt er seit ca. 40 Jahren in Bolivien, immer in dieser Gegend. Ich kannte ihn bis jetzt noch nicht persönlich, habe aber schon viel von ihm gehört. Er macht einen sehr ruhigen Eindruck, ist relativ wortkarg. Ich hatte mich vor ein paar Tagen schon angekündigt. „Estás bienvenidos“ lautete seine Antwort. Ein Gästezimmer war schon vorbereitet.

Die Möglichkeit, mich mit einer kühlen Dusche zu erfrischen gab es leider nicht, da aufgrund der Trockenheit wieder mal im Dorf das Wasser abgedreht war. Seit Monaten hat es nicht geregnet. Camargo ist von der Trockenheit besonders stark betroffen. Da also eine ausführliche Körperpflege und Erfrischung leider nicht möglich ist, habe ich Zeit die Abendmesse mit zu feiern. Ein bolivianischer Mitbruder ist Hauptzelebrant, Otto und ich konzelebrieren. Ungefähr 10 Gläubige haben sich zum Gottesdienst eingefunden, inbegriffen zwei Klosterschwestern. Insgesamt eine recht fade Angelegenheit. Der Priester stimmt mit den Gebeten einen ziemlich eigenartigen Singsang an. Es ist mehr ein Herunterleiern, als ein überzeugtes Beten. Die wenigen Gläubigen verlieren sich völlig in der relativ weiten und schlecht beleuchteten Kirche. Keiner von ihnen fühlt sich animiert, in den Gesang der einen Schwester, die als Vorsängerin fungiert, mit einzustimmen.

Nicht immer und überall ist die Kirche Lateinamerikas also voller Leben, Frische, Energie und ansteckender Freude! Klar, in diesen Ländern gibt es genauso alles. Wie sollte es auch anders sein! Mit Otto Strauß habe ich an dem Abend leider nicht viel Gelegenheit zu reden, da er zur Sitzung des Pfarrgemeinderats gerufen wird.

Am nächsten Vormittag fahr ich mit einem Trufi nach Culpina. Es sind nur gut 30 km, die Fahrt geht aber eine volle Stunde in die Berge. Wir fahren von ca. 2.500 Höhenmeter auf über 3.000. Die Sonne strahlt zwar immer noch sommerlich stark, es wird aber merklich frischer. Beim Verlassen von Camargo kommen wir an den Weinbergen vorbei. Neben Tarija ist Camargo das zweite Weinanbaugebiet Boliviens. Je höher wir kommen, desto dünner wird die Vegetation. Die Gegend ähnelt oft den Wüsten, wie ich sie aus den Western kenne. Der Blick in die weite Gebirgslandschaft ist gigantisch. Auf der Hochebene angekommen, geht’s durch ein breites und trockenes Flussbett.

Culpina ist ein noch verschlafeneres und abgelegeneres Nest wie Camargo. Als ich nach der Pfarrei frage, deutet man auf ein hohes fabrikähnliches Ziegelgebäude. P. Juan Carlos, seit vier Wochen der Pfarrer hier, klärt mich später auf, dass es sich in der Tat um die Halle einer ehemaligen Alkoholfabrik handelt. Als die Pfarrei vor einigen Jahrzehnten eine größerer Kirche benötigte, baute man einfach die leerstehende Halle um. Innen – das muss ich ehrlich zugeben – hat man das Gebäude aber wirklich tadellos für den neuen Gebrauch um- und ausgestaltet.

Neben P. Juan Carlos ist auch P. Victor gerade im Pfarrhaus. Ich weiß nicht, ob er wegen mir gekommen oder zufällig da ist. Er ist Pfarrer im benachbarten Incahuasi. Auch dieser Ortsname ist mir nicht unbekannt: hier war Adolfo Bittschi an die 20 Jahre Pfarrer. Christoph Mikolajetz und Stefan Funk haben 1985/86 als Theologiestudenten ein Jahr mit ihm gelebt und in der Pfarrei mitgeholfen. Diese Erfahrung war für Christoph dann auch der ausschlaggebende Grund, sich später in der Diözese Sucre zum Priester weihen zu lassen.

Nach einem kräftigen Mittagessen – Suppe und das typisch bolivianische Gericht „Pica a lo Macho“ – führt mich P. Victor zu dem Haus von Don Julian und Doña Hilda, der Schwester von Lourdes Aguirre Subia, meiner Hausfrau in Barcelona. Jose Luis, der Sohn von Hilda und Julian, den ich in Sucre vor einer Woche bereits getroffen habe, öffnet uns die Tür. Seine Eltern sind gerade nicht da, sind mitten am Nachmittag natürlich arbeiten. Doña Hilda finden wir in ihrem kleinen Laden im Dorf, wo sie vor allem Bustickets nach Tarija verkauft. Innerhalb von nur ein paar Minuten kommt Don Julian, der irgendwo in der Nähe auf dem Feld arbeitet. Auch die Tochter Ayde, Leiterin eines nahegelegenen Kindergartens, kommt schnell herbeigeeilt. Es ist ein wunderbares Gefühl, endlich Menschen persönlich gegenüber zu stehen, von denen man schon viel gehört hat und mit denen man sich über andere nahestehende Menschen eng verbunden fühlt. Vieles aus dem Leben dieser Menschen ist mir gut vertraut, obwohl ich sie noch nie zuvor gesehen und gesprochen habe. So weiß ich zum Beispiel, dass Doña Hilde für die zehn Geschwister in gewisser Weise Ersatzmutter wurde, als die leibliche Mutter bei der Geburt von Leonardo starb. Deshalb wird sie von allen auch liebevoll „Mamilda“ genannt. Und auch an Aydes Schicksalsschlag hatte ich vor drei Jahren Anteil, als ihr Ehemann bei einem schrecklichen Autounfall ums Leben kam. Ayde war gerade mit dem vierten Kind schwanger und nur ein paar Wochen vor dem Unfall waren die Kinder miteinander getauft worden. Onkel Leonardo war als Taufpate aus Barcelona angereist gewesen.

Sie laden mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. Es ist auch der Geburtstag von Don Julian. Jose Luis führt mich durchs Dorf und zeigt mir die wenigen Sehenswürdigkeiten. Wir besuchen auch den auf einem kleinen Hügel gelegenen Friedhof, von wo man einen schönen Blick auf die Ortschaft hat.

Nach dem Frühstück fahre ich heute mit P. Juan Carlos zunächst auf einen neben dem Dorf liegenden großen Hügel. Im letzten Jahr hat die Pfarrei auf dem Gipfel eine mächtige Christus-Statue errichtet. Von hier hat man einen 360-Grad-Blick über die weite Hochebene in die nahen Berge.

Wir besuchen die Población El Central, das Elternhaus der Aguirre-Kinder. Jetzt lebt hier Hugo mit seiner Ehefrau Graciela und dem Sohn. Die Familie lebt von den bescheidenen Erträgen der winzigen Landwirtschaft. Wir finden die drei auch mitten in der Feldarbeit auf einem Acker.

Unsere Fahrt geht weiter nach Incahuasi. Es ist nur 15 Minuten entfernt. Hier treffen wir wieder P. Victor in seinem Pfarrhaus. Die Kirche dieses kleinen Ortes ist etwas Besonderes, weil sie vollständig aus silbergrauen Steinen in einem schönen Kolonialstil errichtet ist. Und weil es nur weitere 15 Minuten zu fahren sind, besuchen wir auch noch das Dorf Villacanchas. Hier fällt mir zum einen auf, dass überall gebaut wird und dass die meisten Autos ohne Kennzeichen fahren. So weit entfernt von den staatlichen Behörden, erklärt mir P. Juan Carlos, ahndet das niemand. Man darf halt mit diesen Autos nur nicht in die Städte fahren.

Ziemlich pünktlich – nur eine halbe Stunde nach der ausgemachter Uhrzeit – kommen wir zum großen Mittagessen im Haus von Don Julian und Doña Hilda. Die ganze Familie Aguirre, soweit sie in und bei Culpina lebt, ist schon versammelt. Auch einige benachbarte Familien sind eingeladen und trödeln ein. Im kleinen Hof wurde aus vier Tischen eine festliche Tafel aufgebaut. Eine große Zeitplane wurde als Schattenspender über die Tafel gespannt. Es haben sich mindestens 30 Personen eingefunden, darunter auch viele Kinder. Den ganzen Vormittag war gekocht worden. Sogar ein Spanferkel wurde extra geschlachtet und zubereitet. Ich bin froh, dass der Anlass für das außergewöhnliche Festmahl nicht nur mein Besuch, sondern auch der 61. Geburtstag von Don Julian war.

Wie schön, an Orte zu kommen, wo man Menschen kennt. Es ist, wie nach Hause zu kommen.

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