Busbahnhof in Sucre, Donnerstag, 9. Februar 2017, 10:13 Uhr

Wieder sitze ich in einem Bahnhof und warte auf die Abfahrt meines Busses zum nächsten Ziel. Eine siebenstündige Reise steht vor mir, von Sucre über Potosi nach Camargo. Die Fahrten in den Cochecamas sind in der Regel ziemlich bequem und wenig anstrengend – und man sieht die Welt, durch die es geht.

In meinem Tagebuch lese ich zwei Texte, die ich mir in den letzten Tagen festgehalten habe, damit sie mir nicht verloren gehen in der Fülle der Texte, die ich täglich lese. Beim Beten des Morgen- oder Abendlobes aus dem Büchlein „Magnifikat“ bin ich auf sie gestoßen.
Du, weißt du …

Du, weißt du, wie ein Rabe schreit?
Und wie die Nacht, erschrocken bleich,
nicht weiß, wohin zu fliehen?
Wie sie verängstigt nicht mehr weiß:
Ist es ihr Reich, ist es nicht ihr Reich,
gehört sie dem Wind oder er ihr,
und sind die Wölfe mit ihrer Gier
nicht zum Zerreißen bereit?

Du, weißt du, wie der Wind schrill heult
und wie der Wald, erschrocken bleich,
nicht weiß, wohin zu fliehn?
Wie er verängstigt nicht mehr weiß:
Ist es sein Reich, ist es nicht sein Reich,
gehört er dem Regen oder der Nacht
und ist der Tod, der schauerlich lacht,
nicht sein allerhöchster Herr?

Du, weißt du, wie der Regen weint?
Und wie ich geh, erschrocken bleich,
und nicht weiß, wohin zu fliehn?
Wie ich verängstigt nicht mehr weiß:
Ist es mein Reich, ist es nicht mein Reich,
gehört die Nacht mir, oder ich, gehör ich ihr,
und ist mein Mund, so blass und wirr,
nicht der, der wirklich weint?

(Selma Meerbaum-Eisinger, 1924-1942, 4.3.1941)
Die Texte von Selma Meerbaum-Eisinger hab ich vor ungefähr zehn Jahren kennengelernt. Die Schweizer Klezmer-Band „Kol Simcha“ hat einige ihrer Gedichte vertont und auf der CD „Selma“ mit bekannten Sängern eingespielt. Von Anfang an hat mich neben der lyrischen Musik vor allem auch die Ausdrucksstärke und Tiefe der Sprache Meerbaum-Eisingers fasziniert. Man muss sich bewusst sein, dass die Poetin bei der Abfassung ihres Gedichtes erst 17 Jahre jung war! Der jungen Frau mit jüdischer Herkunft war leider auch nur sehr wenig Zeit vergönnt, ihre Gedanken und Gefühle in Form von Gedichten niederzuschreiben. Mit gerade 18 Jahren wurde sie in einem der Konzentrationslager des Dritten Reichs ermordet.

Was für eine Lebenserfahrung, die da aus ihren Texten spricht! Welche Reife! Welche Tiefe! Und welch blühendes, strahlendes, ansteckendes Leben, trotz des unglaublichen, unsagbaren Leides, dem sie und ihre Familie scheinbar hoffnungslos ausgeliefert war!

Die Nacht, der Wald und der Regen fallen unbarmherzig über die Welt ein, und auf das Mädchen. Der schreckliche Schrei eines Raben erfüllt die Nacht mit Angst. Ein schriller Wind heult durch die Nacht. Ein kalter Regen ertränkt jede Hoffnung. Nacht, Wald und Mensch fragen sich nach dem Sinn. Dem Sinn des Ganzen. Dem Sinn ihrer Existenz und ihres Daseins.

Ist es das Reich der Nacht? Das Reich des Waldes? Mein Reich? Oder: Ist es nicht das Reich der Nacht? Nicht das Reich des Waldes? Nicht mein Reich? Der durchdringende Schrei eines Raben weckt in der Nacht eine aussichtslose Verzweiflung, erfüllt sie mit schrecklicher Angst, lässt sie erschrocken erbleichen.

Was verursacht was? Die Nacht den Wind? Oder: Der Wind die Nacht? Zu dem Angst einflößenden Schrei des Raben kommt die verschlingende Gier der Wölfe. Absolute Nacht. Absolute Gefangenschaft. Völlige Aussichtslosigkeit. Kein Entkommen.

Sogar der Wind, der der Nacht ihre Aussichtslosigkeit vorhält, irrt wirr ohne Ziel durch den grenzenlosen Wald. Und, obwohl er doch eigentlich farblos ist, erbleicht er vor blindem Schrecken. Weiß nicht, wohin er fliehen soll. Ja, und ist er nicht, der Wind, auch verursacht vom Tod selbstpersönlich? Die bewegte Luft, der wild heulende Wind, also das Gefährt des Todes!

Was für ein Gegensatz: In den ersten Zeilen der Genesis, dem ersten Buch der Heiligen Schrift der Juden und von uns Christen, begegnet uns die bewegte Luft, der zart gehauchte Atem als schöpferisches Gefährt des Lebens. Bewegte Luft, Leben und Tod zugleich?! Wer haucht den lebensspendenden Atem? Wer bläst den heulenden, vernichtenden Wind? Wer ist Herr? Wer herrscht in allem?

Nicht nur Wind bläst durch die Nacht. Auch Regen peitscht ins Gesicht. Ist es der Tränen-Regen des Schreckens, der Hoffnungslosigkeit? Pure Angst. Nacht. Was hat diese Nacht mit mir zu tun? Bin ich gefangen in ihr? Ist sie gefangen in mir? Wer ist Herr? Wer herrscht?

Ist es mein Reich, ist es nicht mein Reich? Seit acht Jahren breiten die Nazis die schreckliche Herrschaft ihres „Dritten Reiches“ aus und seit zwei Jahren ist es ausgeartet in einen Welt umspannenden, alles vernichtenden Krieg. Das ist es, was die junge, lebenshungrige Selma als alles beherrschendes „Reich“ furchtbar erleben muss. Ein Reich, das nichts Leben lässt. Das alles vernichtet und zerstört.

„… und ist mein Mund, so blass und wirr, / nicht der, der wirklich weint?“

Wer oder was kann mir den Mund verbieten? Wer den verzweifelten Schrei verstummen machen? Wer den Speichel der Tränen versiegen?
Die blassen Lippen gleichen der bleichen Nacht. Die wirren Schreie dem heulenden Wind. Die Tränen der Angst dem Regen der Nacht.
Und: Gleicht nicht auch der heulende Wind dem hauchenden Atem?

Niemand und nichts kann dem lebendigen Menschen die Hoffnung auf Leben nehmen! Alles, was den Tod bringen kann, könnte gleichzeitig auch Leben schaffen. „Könnte!“ Dieser Funke Konjunktiv ist trotz allem in allem enthalten. Dieser Funke Hoffnung. Dieser Funke Leben. Und keine Nacht, kein Wind, kein Regen kann den Funken Leben auslöschen! Auch keine Gaskammer!

Allem Wesen, jedem Sein, und vor allem: jedem Menschen ist dieser Funke Leben eingepflanzt. Auf ewig.
Den meine Seele liebt,
der ist das Licht.
Er spricht: Ich bin
das Licht der Welt.
Wir stehn darin.
Halleluja.

Den eure Seele liebt,
der ist da!
Dringt ohne Ton
durch alle Nacht,
Licht in Person.
Halleluja.

Er wandelt dich,
er wandelt mich,
zieht unsere Finsternis in sich.
Er stirbt daran,
steht auf und lebt,
sein Reich bricht an!
Halleluja.

(Silja Walter, 1919-2011)
Er ist es, der den Funken Leben zum Feuer anhaucht. Der den fast erloschenen Funken wieder zum lodernden Feuer erstehen lässt. Der beatmet, und nicht erstickt. Er ist das Licht, das erleuchtet. Der jede Nacht und alle Finsternis in sich aufsaugt. Er ist es, der lautlos alles durchdringt – und verwandelt. Der dem Tod Leben einhaucht. Der vom Tod zum Leben auf steht. Dessen Reich anbricht.

Silja Walter, die dichtende Benediktinerin Schwester M. Hedwig OSB aus der Schweiz, dürfte in ihrem Leben ein anderes Reich erfahren als die junge jüdische Poetin Selma Meerbaum-Eisinger. Nicht nur in dem beschaulichen Klosterleben, auch im stumpfen Alltag hat sie die Leben spendende „Herrschaft“ und Gegenwart des jüdisch-christlichen Gottes erfahren.

„Du, weißt du…“ Selma Meerbaum-Eisinger richtet sich mit ihrer Klage an ein Du. Sie hält einem Du die tragische Situation, ihre tragische Situation vor Augen. Es ist eine Klage. Eine Klage im Stil des alttestamentlichen Jiob, der Gott sein unendliches Leid klagt. Jiob will sich nicht mit seinem Leid abfinden. Herausfordernd klagt er Gott an. In dieser Klage steckt der Funke Hoffnung, der Funke Vertrauen, dass trotzdem in allem ein Sinn stecken muss. Ein Sinn, den nur Gott kennen kann.

„Du, weißt du…“

„Er wandelt dich, / er wandelt mich, / zieht unsre Finsternis in sich.“

Die junge Poetin Selma Meerbaum-Eisinger hält ihr Leben dem Du hin, mit dem Funken Hoffnung, dass er ihr den Sinn erklären kann. In der Schriftstellerin und Klosterfrau Silja Walter konnte das tiefe Vertrauen und der Glaube heranreifen, dass Er jede Finsternis verwandeln wird.

Wer ist das Du, dem ich mein Leben, meine Not, mein Leiden Vorhalte? An den ich mein Klagen und Fragen richte?

 

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