Auf dem Weg von Concepción zurück nach Santa Cruz, Dienstag, 7. Februar 2017, 17:15 Uhr

Vor gut drei Stunden sind wir losgefahren. Ich hab mich wieder für einen „trufi“, einen dieser Minibusse, entschieden. Die Fahrt in diesen Bussen ist zwar ein wenig teurer als in den Bussen der flota und auch nicht so bequem, sie fahren aber wesentlich schneller und nicht nur zu bestimmten Uhrzeiten. Wenn die Sitzplätze eines trufis besetzt sind – in der Regel sind das ungefähr elf – geht’s los. Um sechs, spätestens halb sieben müsste ich in Santa Cruz sein.

Ich bin nun doch von Concepcion heute schon wieder umgekehrt. Auf der Rute der ehemaligen Jesuiten-Reduktionen in der Chiquitania gäbe es natürlich noch viel mehr sehenswerte Kirchen und Orte. Aber da bräuchte ich mindestens zwei Tage zusätzlich. Ich möchte mich aber morgen in Sucre mit Franziska, meiner Nichte, treffen, die in der letzten Woche mit Freundinnen durch Peru reiste.

Gestern Vormittag, gegen elf, bin ich in San Javier angekommen. Es ist die erste Reduktion, die die Jesuiten bei ihrer Missionierung der Chiquitania im Jahr 1691 errichtet haben. Der Schweizer Jesuit P. Martin Schmidt war Architekt und Baumeister. Auch die meisten anderen Kirchen auf der Rute der Reduktionen wurden von ihm gebaut. Der ganz spezifische B austil hat viel gemeinsam mit der typischen Holzbauweise in der Schweiz. Die Patres legten die Siedlungen immer nach dem gleichen Prinzip an: Um den zentralen, quadratischen Hauptplatz – geschmückt mit einem mächtigen Missionskreuz – befinden sich auf der einen Seite die barocke Kirche und die dazugehörigen anderen kirchlichen Gebäuden, an den anderen drei Seiten stehen in Reih und Glied die länglichen Wohnhäuser der Bürger.

Die Reduktionen waren aber nicht bloß Dörfer oder Siedlungen für die Indiginas, die Quaranís. Jede Reduktion war eine eigene Republik mit eigener Verwaltung und Infrastruktur, also eine autarke Gesellschaft, völlig unabhängig von den spanischen Kolonialherren. Natürlich zahlten sie ihre Steuern an die europäischen Herrschern, die Patres achteten aber streng darauf, dass die Eingeborenen ihr eigenes Leben leben konnten. Einzige Bedingung, sie mussten sich taufen lassen und sich nach den kirchlichen Geboten richten. Wie es sich für die Jesuiten gehört, war jedes Dorf mit einer guten Schule ausgestattet, wo die Kinder und Jugendlichen vor allem auch in der Kunst des Holzschnitzens und der Musik ausgebildet wurden. Und gerade in diesen beiden Künsten erwies sich das Volk der Quaranís als sehr begabt. Was die Baukunst der Jesuiten und Indigenas in der Chiquitania im 17. und 18. Jahrhundert hervorbrachte, ist ohne Übertreibung mit dem Barock in Europa vergleichbar. Natürlich merkt man den europäischen Einfluss durch die Jesuiten. Trotzdem ist aber hier was wirklich Eigenständiges entstanden.

Am meisten gespannt bin ich aber auf die Musik, die in den Reduktionen in jener Zeit erklang. Neben den europäischen Klassikern aus der Renaissance und dem Barock, gab es anscheinend auch zahlreiche Komponisten unter den Patres, sowie unter den Eingeborenen. Auch der P. Martin Schmidt war nicht nur ein bedeutender Baumeister, sonder auch ein hervorragender Organist und Komponist. Adolfo Bittschi hat mir in eine CD hineinhören lassen, die bei einem der alle zwei Jahre stattfindenden Festivals der Renaissance- und Barockmusik in der Chiquitania aufgenommen worden war. Antonio, der Moderator eines lokalen Radiosenders in Concepción, der mich auf der Plaza Principal angesprochen und interviewt hatte, verkaufte mir eine CD mit Aufnahmen dieser Musik. Das Besondere der Aufnahme ist für mich, dass es von dem Orchester und dem Chor der Musikschule in Concepción eingespielt und gesungen wurde, die in den 90-er Jahren von dem aus Eichstätt stammenden Franziskanerpater Reinaldo Brummberger gegründet wurde. Er hat damit die alte Musiktradition der Jesuiten wieder aufleben lassen. Ein paar Jahre nach Gründung der Musikschule wurde dann auch das genannte Musikfestival ins Leben gerufen.

Zuvor hatte der bayerische Franziskanerbischof Antonio Eduardo Bösel ofm von Concepción veranlasst, dass so gut wie alle Kirchen in der Chiquitania von Grund auf restauriert und zum Teil wieder völlig neu errichtet worden waren. (Noch eine kleine persönliche Note am Rande: Bischof Bösl durfte ich vor ca. 30 Jahren in Fockenfeld kennenlernen, wo ich mit einem seiner Neffen zur Schule ging!) Bischof Bösl konnte den Schweizer Architekten Hans Roth für die Restauration gewinnen, was sich als einmaliger Glücksfall erweisen sollte. So wurde zwischen 1987 und 1993 eine Vielzahl der Bauwerke aus der alten Zeit restauriert und sind nun völlig intakt und in neuem Zustand wieder hergestellt.

Gerne hätte ich mich mit P. Reinaldo Brummberger, der heute Pfarrer in San Antonio in Santa Cruz ist, getroffen, um mich mit ihm über die Musik und den Barock in der Chiquitania zu unterhalten. Leider hat es nicht geklappt. Ich habe mehrmals versucht ihn anzurufen und ihm auch eine Nachricht geschickt, ihn aber nicht erreicht.

San Javier, die erste Station, wo ich Halt mache, ist nicht nur die erste Reduktion, die die Jesuiten in der Chiquitania gründeten, sie ist auch die erste, die von Hans Roth restauriert wurde. Sie ist noch relativ einfach gehalten. Auch die Restauration wurde sehr behutsam vorgenommen. Kirche und angegliederte Gebäuden wirken sehr ursprünglich. Man merkt den mächtigen Holzsäulen die Jahrhunderte an, die sie schon die Dächer tragen. Gleichzeitig sind sie aber wieder völlig intakt hergestellt.

Concepción, eine Busstunde weiter, merkt man dagegen an, dass es Bischofsstadt ist. Diese Pfarrkirche und Kathedrale, haben die Franziskaner in weit größerem Glanz wieder erstrahlen lassen als San Javier. Die farbenfrohen Reliefbilder, der goldene Stuck, die kunstvollen Schnitzereien und die reich geschmückten weißen Wände zeugen von der hohen Baukunst der Menschen hier vor 450 Jahren. Und trotz des herrlichen Prunk, ist alles auch von einer bescheidenen Einfachheit durchzogen. Nichts übertrieben, protzig oder angeberisch. Viel schlichter, als ich es bei den Kolonialbauten in Santiago, La Paz oder Sucre gesehen habe.

Was für eine Tragödie, dass diese Zentren der barocken Hochkultur Ende des 18. Jahrhunderts nach nur gut hundert Jahren schon wieder ihr jähes Ende fanden. In dem unsäglichen Zwist zwischen der spanischen und portugiesischen Krone, in der auch die römische Kirche eine sehr unrühmliche Rolle spielte, hat König Karl III. im Jahr 1767 die Jesuiten gezwungen, alle ihre Reduktionen in ganz Südamerika zu verlassen. Ein erfolgreiches Experiment im pastoralen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Sinn war zu Ende. Doch während in Brasilien, Paraguay und Argentinien sich über den Reduktionen der Dschungel schloss, wurden die meisten bolivianischen nicht zerstört. Die Bewohner hielten hier an ihrer christliche-guaranischen Lebensweise und an ihren Traditionen fest und gaben auch ihre Dörfer nicht auf.

(Leider schaffe ich es nicht, die guten Fotos von meinem Mobiltelefon in dieses Blog-Programm rüber zu laden. Deshalb nur eine sehr kleine – und nicht allzu gute – Auswahl der tausenden Fotos, die ich gemacht habe!)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s