Von Santa Cruz auf dem Weg in die Chiquitania, Montag, 6. Februar 2017, 8:34 Uhr

Was genau ist eigentlich der Unterschied? Gibt es überhaupt einen Unterschied? Die Kirche war bis auf ein paar wenige Bänke gefüllt, als ich gestern um 8:30 Uhr eine Messe in der Pfarrkirche von Nuestra Señora de Fátima in Santa Cruz gefeiert habe. P. Juan Carlos, der Pfarrer, fragte mich am Abend davor, als wir bei einem Gläschen bolivianischen Rotwein zusammen saßen, ob ich eine Messe übernehmen könnte, dann würde ich sie ein wenig entlassen. Ich sagte natürlich gern zu, auch wenn die Anfrage etwas kurzfristig kam und ich ja nicht mehr viel Zeit für eine ordentliche Vorbereitung hatte. Es war bereits die zweite Sonntagsmesse in der Pfarrkirche. Die um 7 Uhr ist in der Regel noch mehr besucht, genauso wie die um 19 Uhr, klärte man mich später auf. Es waren drei Ministranten da. Natürlich auch eine Mesnerin. Sie erklärten mir ganz genau, wie es hier bei ihnen üblich ist. Und dann waren da noch zwei Frauen, die mit ihren Kommentaren durch den Gottesdienst führten, zwei Lektoren, drei Kommunionhelfer und ein Gitarrist (Er war dieses Mal allein, weil die anderen der Musikgruppe in Ferien sind).

Bevor wir den Gottesdienst beginnen, werde ich herzlich begrüßt und vorgestellt. Bei den Liedern singen alle kräftig mit. Oft wird auch der Rhythmus dazu geklatscht. Es gibt keine Liederbücher oder Zettel, die Lieder sind bekannt und werden auswendig gesungen.

Bei der Predigt nehme ich das Mikrofon in die Hand und geh vom Ambo weg an die Altarstufen, so bin ich den Leuten in den ersten Reihen ganz nah. Ich möchte ihnen näher sein, mich nicht hinter dem Ambo verschanzen. Es kommt mir von den Gläubigen so eine interessierte und unmittelbare Aufmerksamkeit entgegen. Ich spreche frei. Mit sichtbar offenen Augen und Ohren sind sie ganz bei mir. Ich werde mir plötzlich auch meiner Verantwortung bewusst.

Es ist diese unmittelbare Nähe, scheint mir, die ich in den Gottesdiensten hier viel stärker spüre, als bei uns in Europa. Wir sind uns richtig auf Berührung nahe, die Gläubigen und ich, aber auch die Gläubigen untereinander. An Stelle eines unpersönlichen, strengen Ritus steht ein lebendiges, sehr emotionales Feiern. Trotzdem hat aber alles auch seine Ordnung. Die Handlung wird keinesfalls dem Zufall oder der Spontanität überlassen.

Auf die erste Altarstufe wurde eine ganze Menge persönlicher Dinge abgestellt: Plastikflaschen mit Wasser, Rosenkränze, Marien- und Jesusbilder, Fotos von Verstorbenen. Mit diesen Andachtsgegenständen sind auch deren Besitzer die Messe über ganz nah am Altar. Am Ende des Gottesdienstes, nach dem Schlusssegen, kommen alle an die Altarstufen. Ich werde von den Ministranten freundlich aufgefordert, die Gläubigen mit Weihwasser zu besprengen und zu segnen. Zwei- bis dreimal muss ich die Reihen abgehen, bis jeder das bei der Hitze wirklich erfrischende Weihwasser im Gesicht gespürt oder von mir die Hände aufgelegt bekommen hat.

Ja, es ist die Nähe, die unseren Glauben in den Gottesdiensten hier in Lateinamerika viel intensiver spürbar macht. Und so konkret, wirklich. Die Liturgie verkriecht sich nicht in eine künstliche und sterile Theorie. Und vielleicht ist es auch genau das, was unsere Kirche überall auf der Erde noch viel mehr bräuchte, Nähe. Weil es genau das ist, was die Menschen überhaupt brauchen. Nähe. Gott hat kein Problem damit, uns völlig nah zu kommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s