Irgendwo auf der Strasse nach Santa Cruz, Samstag, 5. Februar 2017, 14:23 Uhr

Es ist der Wahnsinn, wie unser Busfahrer rast. Wir sind mit einer halben Stunde Verspätung abgefahren. Ein paar der Reisenden haben schon gemurrt. Eine Person fehlte noch. Endlich war auch sie da. Dann ging’s los.

Aus Monteagudo sind wir schnell raus. Der Ort, eine Stadt mit ca. 20.000 Einwohnern, ist verhältnismäßig klein. Wir verlassen über die Hauptstraße das Städtchen. Passieren noch einmal die bunten Reihenhäuser mit ihren Terrassen und den typischen Vordächern. Im Schatten der Vordächer sitzen alten Frauen oder Kinder und bieten gelangweilt ihre Waren an. Die Bilder erinnern mich an Western-Filme.

Die Straße führt aus dem Tal hinaus in die Höhe. Sie ist im Grunde noch eine Baustelle. Der Bus fährt auf feinem Sand. Rutscht deshalb auch hin und her. Alle 100 Meter steht eine riesige Baumaschine im Weg, der wir ausweichen müssen. Wir elf Mitfahrende fallen wie träge Sandsäcke von einer auf die andere Seite. Mein linker Nachbar, ich schätze ihn auf 16 Jahre, schläft bald ein. Sein Kopf landet auf meiner linken Schulter.

Man hat mir einen Platz auf der letzen Bank zugewiesen. Fensterplatz. Ich bin froh. Hab nur einen Nachbar und eine gute Sicht. Das heißt, die Sicht ist ziemlich eingeschränkt, da die Fensterscheibe mit einer dunklen Folie zum Schutz vor der Sonne überzogen ist. Und ich möchte das Fenster nicht öffnen, weil es sonst so brutal rein staubt. Es reicht schon, dass die anderen Fenster im Bus geöffnet sind und den dichten Staub von draußen ansaugen.

Wir fahren über zwei Stunden durch einen dichten Wald. Die Straße schlängelt sich durch tiefe Täler. Manchmal ist sie nur geschätzte zwei Meter breit, rechts neben mir geht’s gefühlte Hunderte von Metern den Hang hinunter. Dass der Chauffeur wie die Sau fährt – mir fällt kein passender Ausdruck ein -, habe ich schon erwähnt. Gut, dass ich von meiner letzten Bank nur wenig sehen kann. Es geht über hohe Hügel. Die ganze Strecke ist Baustelle. Irgendwann sehe ich, dass ein Tunnel gegraben wird. Anscheinend soll in Zukunft ein großer Teil der Strecke untertunnelt sein. Eigentlich schade, denn die Landschaft ist herrlich. Über die Täler hinweg hat man manchmal eine fantastische Aussicht. Der Himmel ist nur mit ein paar kleinen Wolken bedeckt, die Luft klar und frisch.

Endlich erreichen wir eine befestigte Straße. Ob es eine Beton- oder Teerdecke ist, kann ich nicht erkennen. Der Fahrer kann jetzt noch mehr auf die Tube drücken, was er dann auch mit Begeisterung tut. Wir haben die Täler verlassen und kommen in eine weit Ebene. Gleichzeitig wird die Landschaft wesentlich dürrer und ausgetrockneter. Die Lufttemperatur ist inzwischen bestimmt bei über 30 Grad. Längst habe ich wegen der Hitze das Schiebefenster ständig offen, egal wieviel Staub hereindrückt und wie sehr mir die Haare ins Gesicht flattern.

Verrückt, nun bin ich schon fast drei Wochen in Chile und Bolivien, und es kommt mir vor, als wäre ich erst ein paar Tage unterwegs. Was ich alles schon erlebt habe! Wieviele Menschen ich kennengelernt habe! Wo ich schon überall war! Irgendwie komme ich fast nicht mit, das alles zu reflektieren und zu verarbeiten. Von wegen hier alles nieder zu schreiben. Diese Welt, in der ich da eingetaucht bin, ist so wahnsinnig verschieden zu der Welt, aus der ich komme. Aber es fällt mir leicht, mich ihr anzuvertrauen, mich in sie fallen zu lassen.

Wir fahren in Santa Cruz ein. Kilometer lang geht es über mehrspurige Straßen durch stinkende Industriegebiete in die größte Stadt Boliviens. 1,5 Millionen Menschen leben hier. Sehenswürdigkeiten gibt es anscheinend so gut wie keine. Sie ist erst in den letzten Jahrzehnten so angewachsen und zu dem Moloch geworden. Das Wochenende möchte ich hier bleiben, am Montag werde ich mich dann auf den Weg in die Chiquitania machen und dort die Jesuiten-Reduktionen aus dem 17./18. Jahrhundert besuchen.

Ein Gedanke zu “Irgendwo auf der Strasse nach Santa Cruz, Samstag, 5. Februar 2017, 14:23 Uhr

  1. Guillermo Jordi schreibt:

    Danke Ottmar für Deine täglichen Berichte!
    Irgendwie reisen wir alle auf diesWeise mit Dir mit!
    Wir sind begeistert mit deinen Erlebnisse und Eindrücke , vermissen Dich natürlich auch un freuen uns riesig dichbald wieder energiegeladen bei uns zu haben!
    Vive la vida! Cada dia un regalo!
    Dein
    Willi

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