Flughafen Santiago de Chile, Donnerstag, 16. Februar 2017, 13:11 Uhr

Ein letztes Mal Warten auf dieser Reise in Chile und Bolivien. Ich sitze im Flughafen von Santiago de Chile. Mehr als vier Wochen war ich nun unterwegs. Eine einzigartige Gelegenheit, in diese andere Welt einzutauchen und sie kennen zu lernen. Ich bin äußerst dankbar dafür, dass mir das möglich war, und für alles, was ich erleben durfte.

Nach Hause kommen. Dieses Gefühl hatte ich mehrmals. Von Anfang an und immer wieder. Bis zum letzten Tag. Noch nie hatte ich meine Füße auf chilenischen oder bolivianischen Boden gestellt. Trotzdem fühlte ich mich immer wie daheim. Gut, ich war ein paarmal schon in lateinamerikanischen Ländern, auch in afrikanischen, wo mir manches bekannt oder auch ähnlich vorkam. Aber trotzdem, fast alles war neu und irgendwie auch fremd.

Nach Hause kommen. Das hab ich vor allem erfahren dürfen, weil ich nach einem halben Jahr meine Nichte Franziska wieder getroffen habe. Auch wenn sie in den zwei Wochen, in denen ich in Santiago war, arbeiten musste und wir nur ein paar mal was am Abend oder an ihren freien Tagen miteinander machen konnten, und in Bolivien waren wir auch nur drei Tage miteinander unterwegs, hat das Zusammensein mit ihr mir das Gefühl von Familie und Daheimsein gegeben. Egal, wo auf der Welt man sich gerade befindet, wenn dort auch ein Mitglied der eigenen Familie ist, dann ist da auch Familie als Ganzes. Und mit der Franzi in ganz besonderer Weise!

Nach Hause kommen. Menschen wie Schwester Karoline, Weihbischof Bittschi, P. Juan Bauer oder Christof Mikolajetz, die ich seit Jahrzehnten kenne und mit denen ich befreundet bin, weckten ein ähnliches Gefühl von Heimkommen in mir. Menschen, mit denen man eine bestimmte Wegstrecke des eigenen Lebens miteinander gegangen ist und wichtige Erfahrungen miteinander geteilt hat, die lassen einen so etwas wie Heimat erfahren. Egal, an welchem Fleck der Erde das auch sein mag und wie weit entfernt vom Elternhaus.

Nach Hause kommen. Dieses Gefühl haben mir auf meiner Reise in den vergangenen Wochen aber auch ganz fremde Menschen vermittelt. Menschen, die ich kennenlernen durfte, von denen ich ein Stück ihres Lebens, ihrer Arbeit, ihrer Hoffnungen, Visionen und ihres Glaubens kennenlernen durfte. Auch wenn ich nur ein paar Stunden oder Momente mit ihnen zusammen war.

Nach Hause kommen. Diese Erfahrung dürfen wir immer dann machen, wenn wir am Leben von anderen wirklich teilhaben. Wenn uns andere wahrnehmen und anerkennen, so wie wir sind. Wenn eine Begegnung in der Tiefe stattfindet. Und damit eine gegenseitige Bereicherung.

Nach Hause kommen. Das ist nicht einfach nur ein schnelles Gefühl, wie es Petrus auf dem Berg Tabor bei der Verklärung seines Herrn überkam. Nicht der blendende Glanz und die blinde Begeisterung des Augenblicks. Das ist vielmehr die Erfahrung der Maria Magdalena am Grab, die den Herrn erkennt, als er sie mit ihrem Namen anspricht und sie sich daraufhin ihm zuwendet. Als sie ihn erkennt als den Auferstandenen. Als er ihr verbietet am Alten festzuhalten. Als er sie zu den Jüngern sendet und sie beauftragt, die Botschaft von der Auferstehung zu verkünden.

Nach Hause kommen. In den vergangenen vier Wochen in Chile und Bolivien durfte ich wieder einmal in meinem Leben die Erfahrung machen, dass der Herr lebt. Dass seine Botschaft, das Evangelium wahr ist. Dass das Reich Gottes angebrochen und da ist. Und immer weiter wächst und sich ausbreitet. An so vielen und unterschiedlichen Orten dieser Welt. Und dass ich mitten in diesem Reich Gottes meinen Platz habe. Meine Verantwortung, meine Aufgabe. Meine Heimat.

Dafür bin ich im Innersten meiner Seele dankbar.

Flughafen Iquique, Mittwoch, 15. Februar 2017, 18:43 Uhr

Bis Montag Abend war überhaupt nicht klar, wie und wann wir, Franziska und ich, von Cochabamba zurück nach Santiago kommen. Klar war nur, dass Franzi heute, Mittwoch, wieder arbeiten muss und mein Flug nach Barcelona morgen, Donnerstag, Mittag geht. In der letzten Woche habe ich immer wieder mal im Internet nach Flügen gesucht, wenn ich gerade Wifi hatte. Es gab Flüge, von Cochabamba, Sucre oder La Paz. Aber würden ein Vermögen kosten. Das kommt wahrscheinlich daher, dass wir immer noch mitten in der Ferienzeit stehen. Ich habe es dann einfach mal belassen, denn ich wusste ja auch bis vor kurzem noch nicht, wo genau in Bolivien ich diese Tage sein werde. Am Montagabend haben Karoline, Rosario, Carlos, der Direktor von Cristo vive Bolivia, und eine gewisse Marta Vic von Viña de Mar es schließlich geschafft, uns doch noch einigermaßen günstige Flüge von Iquique im Norden Chiles zu buchen. Und auch eine billige Busfahrt von Cochabamba nach Iquique. Das einzige „Problem“: wir kommen erst heute, Mittwoch, in Santiago an, wo doch Franzi heute schon arbeiten müsste. Ein kurzer Anruf von Karoline und auch dieses „Problem“ ist behoben. Und wir haben einen Tag mehr für Cochabamba!

Mit Karoline betrachte ich nach dem Frühstück das Tagesevangelium. Markus 2,23-28. Jesus sagt den Pharisäern „Der Mensch ist nicht für den Sabbat da, sondern der Sabbat für den Menschen“, als sie ihn kritisierten, weil die Jünger an einem Sabbat im Kornfeld Ähren pflückten und aßen. Es erstaunt mich immer mehr, in welch große Freiheit Jesus uns Menschen stellt. Er hebt die Gebote und Gesetze nicht auf. Er weiß ganz genau, wie wichtig Gebote und Gesetze für das Leben von uns Menschen in jeder Art von Gemeinschaft ist. Jedes Gebot hat aber einen tiefen Sinn und einen bestimmten Zweck. Den gilt es zu verfolgen und einzuhalten. Um den allein geht es. Und diesen tieferen Sinn der Gebote muss jeder, immer konkret in der jeweiligen Lebenssituationen herausfinden und dann befolgen. Damit macht Jesus uns das Leben und den Glauben nicht gerade einfach. Mit dieser Freiheit bürdet er uns eine riesige Verantwortung auf. Aber nur so werden wir dem Leben und den Menschen auch gerecht. Wie schade, dass gerade in der Kirche immer noch so viel Angst vor dieser Freiheit herrscht. Papst Franziskus wird Gottseidank – trotz massiver Widerstände – nicht müde, uns Christen an diese Freiheit und Verantwortung zu erinnern.

Karoline möchte mir unbedingt die Behinderteneinrichtung „Hogar del Sagrado Corazón de Cristo“ zeigen. Ein paar junge Klosterschwestern, zum Teil selber körperlich behindert und im Rollstuhl, betreuen hier gut 40 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit oft sehr starker Behinderung. Ein bewundernswerter Dienst, den die paar Schwestern mit ein paar Freiwilligen hier leisten. Karoline ist zu Tränen gerührt, als sie die Leiterin für diesen großartigen Dienst dankt.

„CATECA“ heißt die nächste Einrichtung, die mir Karoline auch noch unbedingt zeigen möchte. Der Bamberger Diözesanpriester Manfredo Rauh, der vor 3 Jahren starb und fast sein ganzes Priesterleben in Bolivien verbrachte, hat es errichtet. Es ist ein Haus zur Schulung der Katecheten aus den Quechua-Dörfern. Das ganze Jahr über werden mehrtägige Kurse angeboten. Kurse zu Themen der Katechese, Bibel und des Glaubens. Gleichzeitig bekommen die Campesinos aber auch Schulung in Themen der Landwirtschaft. Neben den Gebäuden befinden sich deshalb auch große Ackerflächen, wo verschiedenste Feldfrüchte angebaut werden. Das Herzstück des Zentrums ist die Kapelle. Sie wurde ausgemalt von dem Quechua-Künstler Severino Blanco. Er kommt aus dem Dorf, wo Manfredo Rauhs erste Pfarrei war. Die Kapelle ist voll mit Bildern, die Szenen aus dem Alten und Neuen Testament darstellen. Im Zentrum, hinter dem Altar, der auferstandene Christus, der dem Volk Gottes vorausgeht und auf uns zukommt. Der Stil der Bilder erinnert ein wenig an den argentinischen Künstler Adolfo Escribar und an den schwäbischen Priester-Künstler Sieger Köder. Bezeichnend ist, dass in den biblischen Darstellungen fast immer ein Bezug zur lateinamerikanischen Wirklichkeit hergestellt wird. Genauso finden sich zwischen den Bildszenen auch Porträts von lateinamerikanischen Märtyrern, wie Luis Espinal, Leonidas Proaño oder natürlich Erzbischof Oscar Romero. CATECA, ein fantastischer Ort, wo sich das Evangelium Jesu tagtäglich neu bei den Menschen dieser Gegend ausbildet. Das ist lebendige Inkulturation. Und die Kapelle in der Mitte der Anlage ist ein künstlerischer Ausdruck davon.

Karoline und Rosario bringen uns am Abend zum Terminal de buses. Es wird noch recht aufregend. Obwohl wir rechtzeitig dran sind und uns Rosario schon am Morgen die Tickets besorgt hat, platzt fast unsere Fahrt nach Iquique. Zuerst müssen wir eine halbe Stunde warten, dann heißt es plötzlich, die Fahrt wird gecancelt und wir bekommen das Geld zurück. Gottseidank gibt es direkt neben dem Büro des Busunternehmens gleich noch ein anderes, das für die selbe Uhrzeit auch eine Fahrt nach Iquique anbietet. Die letzten beiden Plätze sind unsere.

Grenzstation Colchane – Pisiga, Mittwoch, 15. Februar 2017, 8:30 Uhr

Und wieder heisst es warten! Seit vier Stunden an der Grenzstation Colchane/Pisiga. Um 9 Uhr verließen wir, Franziska und ich, gestern Abend im Bus Cochabamba in Richtung Iquique in Chile. Von dort bringt uns dann heute Abend um 8 Uhr das Flugzeug nach Santiago de Chile zurück. Zwei Wochen Bolivien gehen zu Ende. Was für wunderbare Erfahrungen dürfte ich in diesem Land machen! Vor allem auch in den letzten drei Tagen.

Wieder war ich „heim“ gekommen!

Die Busfahrt von Samstagabend auf Sonntagfrüh von Camargo nach Cochabamba war sehr anstrengend. Irgendwie hat’s immer irgendwo reingezogen, so dass es die ganze Fahrt über furchtbar kalt war. Ich konnte fast nicht schlafen. Um 10 Uhr fahren wir in die Stadt ein. Franziska ruft mich an und fragt, wo ich bleibe, ihr Bus aus Uyuni ist schon um 6 Uhr angekommen, seitdem wartet sie im Busterminal auf mich. Wir suchen uns zunächst mal ein Café mit Wifi. Beide haben wir einen riesigen Hunger und noch keine Ahnung, wo wir die Tage in Cochabamba verbringen werden. Ich weiß, dass es einen 90-jährigen Franziskanerpater aus der Eichstätter Gegend in der Pfarrei El Hospicio geben muss. Auf Google-map machen wir die Pfarrei ausfindig, sie ist ganz im Zentrum, nur zwei Quadras von unserem Café entfernt. Die Franzi kennt auch noch ein paar Freiwillige von Cristo vive Bolivia, die wohnen aber irgendwo ganz am Rand. Wir beschließen, zunächst mal in ein Hostal zu gehen, weil wir zu allererst einmal ein Bett und eine Dusche brauchen. Gleich neben dem Café finden wir auch eines. Es ist zwar eine ziemlich schmuddelige Absteige, aber weil es im Zentrum ist, wir so hundemüde sind und einfach überhaupt keine Lust mehr haben, lang weiter zu suchen, bleiben wir da.

Eine gute Stunde Schlaf und eine frische Dusche lassen uns wie neugeboren aufstehen. Franzi hat mit Leonie, einer Freiwilligen von Cochabamba, die sie vom Vorbereitungskurs her kennt, ein Treffen auf der Plaza del 25 de Mayo, der Plaza principal verabredet. Mit ihr besuchen wir gleich eine Hauptattraktion der Stadt, den Cristo de la Concordia, auf einem kleinen Hügel neben dem Stadtkern. Es ist die größte Christusstatue Lateinamerikas, größer als die in Rio. Wir fahren mit der Gondel hoch. Von oben haben wir einen herrlichen Ausblick auf die ganze Stadt.

Nach dem Abstieg – zu Fuß – suchen wir die Pfarrei El Hospicio. Ich möchte meinen Landsmann P. Miguel Brems gern kennenlernen und sprechen. Und ich habe Glück, er ist da. Ein 90-jähriger Franziskaner, der aber noch einen sehr fitten Eindruck macht. Er freut sich, so überraschend Besuch aus seiner alten Heimat zu bekommen. Seit ca. 60 Jahren ist er schon in Bolivien. Lange Zeit wirkte er mit Bischof Bösl in der Chiquitania. Dann baute er eine neue Franziskanerprovinz in und um Cochabamba auf. Ich habe Glück, dass ich ihn antreffe. Am nächsten Tag fährt er nämlich zum Provinzkapitel. Er steht also noch mitten im Leben und in der Seelsorge seines Ordens in Bolivien.

No para. Sie hält nicht still. Um 9 Uhr, am anderen Morgen, steht Schwester Karoline im Hostel. In der Nacht kam sie über Lima und La Paz von Santiago angeflogen. Rosario, eine Mitarbeiterin von Cristo vive Bolivia hat sie vom Flugplatz abgeholt. Mit Rosario hatte ich gestern Abend noch whatsapps ausgetauscht. Karoline hat die nächsten zehn Tage in Cochabamba zu tun. Das ist natürlich ideal, dann kann sie mir auch hier die Einrichtungen von Cristo vive zeigen.

Nach einem Frühstück geht es in das Büro von Rosario. Dort sind auch gerade zwei junge Architektinnen von der Universität Berlin gekommen. Sie bereiten den Bau eines Internates vor. In zwei Wochen kommen auch noch über zwanzig Architekturstuden aus Berlin dazu. Es ist ein Projekt zwischen den Universitäten von Berlin und Cochabamba. Vor zwei Jahren hatten sie schon eine Landwirtschaftschule errichtet.

Karoline, Rosario, Franzi und ich fahren zur Berufsschule, Studentenwohnheim, Kindergarten und Kulturzentrum in Bella Vista. Das war eine der ersten Gründungen von Cristo vive Bolivia. Victor, der Rektor führt uns voller Stolz durch alle Einrichtungen und Räume. Karoline lässt keine Kindergartengruppe aus. Überall herrscht sofort hellauf Freude über den Besuch der „Hermana“. Natürlich schauen wir uns auch noch die Landwirtschaftschule gleich daneben an. Ein sehr schönes, einfaches und ökologisches Gebäude, das die Architektinnen aus Berlin hier vor zwei Jahren errichteten. Jetzt sind Arbeiter schon fleißig dran, nebenan die Gräben für die Grundmauer des neuen Internates auszuheben. Auffallend: unter den Arbeitern, die aus den Quiche-Dörfern der Umgebung kommen, sind auch einige „Maurerinnen“. Zum Teil mit ihren typischen Faltenröcken und bunten Hemden gekleidet schieben sie die Schubkarren und schaufeln den Mörtel. Im Kindergarten treffen wir auch wieder Leonie, die Freundin von Franziska.

Dann geht’s weiter nach Tirani, einem anderen Stadtrandviertel in der Nähe von Bella Vista. Hier liegt der Ursprung von Criste vive Bolivia. 1999 haben Karoline und Mercedes die Comunidad de Jesús Bolivia gegründet. Heute gibt es hier einen Kindergarten und eine Suppenküche für Kinder. In einem Haus, das ursprünglich als Noviziat gedacht war, wohnen jetzt Freiwillige aus Deutschland, Chile und Argentinien.

Gewaltig, was Karoline mit den Mitarbeiterinnen von Cristo vive Bolivia hier in den letzten 17 Jahren alles aufgebaut hat. Ein ähnliches Werk, wie das in Chile. Man merkt aber, dass es jünger ist, als das in Chile. Was vor allem fehlt, vertraut mir Karoline an, ist eine gründliche seelsorgliche Begleitung. Da merkt man, dass es hier leider nicht wie in Santiago eine starke und beständige Basisgemeinde gibt, von wo, wie aus einer Keimzelle, alles herauswächst und durchdrungen wird.

Camargo, Samstag, 11. Februar 2017, 20:57 Uhr

Die Wartezeiten an den Busbahnhöfen erweisen sich als ideale Gelegenheiten das zuletzt Erlebte zu reflektieren. Um halb zehn geht mein Bus von Camargo nach Cochabamba. Vorgestern Nachmittag bin ich hier von Sucre kommend angekommen.

In Camargo ist der aus der Diözese Regensburgstammende Otto Strauß Pfarrer. Mit seinen gut 70 Jahren lebt er seit ca. 40 Jahren in Bolivien, immer in dieser Gegend. Ich kannte ihn bis jetzt noch nicht persönlich, habe aber schon viel von ihm gehört. Er macht einen sehr ruhigen Eindruck, ist relativ wortkarg. Ich hatte mich vor ein paar Tagen schon angekündigt. „Estás bienvenidos“ lautete seine Antwort. Ein Gästezimmer war schon vorbereitet.

Die Möglichkeit, mich mit einer kühlen Dusche zu erfrischen gab es leider nicht, da aufgrund der Trockenheit wieder mal im Dorf das Wasser abgedreht war. Seit Monaten hat es nicht geregnet. Camargo ist von der Trockenheit besonders stark betroffen. Da also eine ausführliche Körperpflege und Erfrischung leider nicht möglich ist, habe ich Zeit die Abendmesse mit zu feiern. Ein bolivianischer Mitbruder ist Hauptzelebrant, Otto und ich konzelebrieren. Ungefähr 10 Gläubige haben sich zum Gottesdienst eingefunden, inbegriffen zwei Klosterschwestern. Insgesamt eine recht fade Angelegenheit. Der Priester stimmt mit den Gebeten einen ziemlich eigenartigen Singsang an. Es ist mehr ein Herunterleiern, als ein überzeugtes Beten. Die wenigen Gläubigen verlieren sich völlig in der relativ weiten und schlecht beleuchteten Kirche. Keiner von ihnen fühlt sich animiert, in den Gesang der einen Schwester, die als Vorsängerin fungiert, mit einzustimmen.

Nicht immer und überall ist die Kirche Lateinamerikas also voller Leben, Frische, Energie und ansteckender Freude! Klar, in diesen Ländern gibt es genauso alles. Wie sollte es auch anders sein! Mit Otto Strauß habe ich an dem Abend leider nicht viel Gelegenheit zu reden, da er zur Sitzung des Pfarrgemeinderats gerufen wird.

Am nächsten Vormittag fahr ich mit einem Trufi nach Culpina. Es sind nur gut 30 km, die Fahrt geht aber eine volle Stunde in die Berge. Wir fahren von ca. 2.500 Höhenmeter auf über 3.000. Die Sonne strahlt zwar immer noch sommerlich stark, es wird aber merklich frischer. Beim Verlassen von Camargo kommen wir an den Weinbergen vorbei. Neben Tarija ist Camargo das zweite Weinanbaugebiet Boliviens. Je höher wir kommen, desto dünner wird die Vegetation. Die Gegend ähnelt oft den Wüsten, wie ich sie aus den Western kenne. Der Blick in die weite Gebirgslandschaft ist gigantisch. Auf der Hochebene angekommen, geht’s durch ein breites und trockenes Flussbett.

Culpina ist ein noch verschlafeneres und abgelegeneres Nest wie Camargo. Als ich nach der Pfarrei frage, deutet man auf ein hohes fabrikähnliches Ziegelgebäude. P. Juan Carlos, seit vier Wochen der Pfarrer hier, klärt mich später auf, dass es sich in der Tat um die Halle einer ehemaligen Alkoholfabrik handelt. Als die Pfarrei vor einigen Jahrzehnten eine größerer Kirche benötigte, baute man einfach die leerstehende Halle um. Innen – das muss ich ehrlich zugeben – hat man das Gebäude aber wirklich tadellos für den neuen Gebrauch um- und ausgestaltet.

Neben P. Juan Carlos ist auch P. Victor gerade im Pfarrhaus. Ich weiß nicht, ob er wegen mir gekommen oder zufällig da ist. Er ist Pfarrer im benachbarten Incahuasi. Auch dieser Ortsname ist mir nicht unbekannt: hier war Adolfo Bittschi an die 20 Jahre Pfarrer. Christoph Mikolajetz und Stefan Funk haben 1985/86 als Theologiestudenten ein Jahr mit ihm gelebt und in der Pfarrei mitgeholfen. Diese Erfahrung war für Christoph dann auch der ausschlaggebende Grund, sich später in der Diözese Sucre zum Priester weihen zu lassen.

Nach einem kräftigen Mittagessen – Suppe und das typisch bolivianische Gericht „Pica a lo Macho“ – führt mich P. Victor zu dem Haus von Don Julian und Doña Hilda, der Schwester von Lourdes Aguirre Subia, meiner Hausfrau in Barcelona. Jose Luis, der Sohn von Hilda und Julian, den ich in Sucre vor einer Woche bereits getroffen habe, öffnet uns die Tür. Seine Eltern sind gerade nicht da, sind mitten am Nachmittag natürlich arbeiten. Doña Hilda finden wir in ihrem kleinen Laden im Dorf, wo sie vor allem Bustickets nach Tarija verkauft. Innerhalb von nur ein paar Minuten kommt Don Julian, der irgendwo in der Nähe auf dem Feld arbeitet. Auch die Tochter Ayde, Leiterin eines nahegelegenen Kindergartens, kommt schnell herbeigeeilt. Es ist ein wunderbares Gefühl, endlich Menschen persönlich gegenüber zu stehen, von denen man schon viel gehört hat und mit denen man sich über andere nahestehende Menschen eng verbunden fühlt. Vieles aus dem Leben dieser Menschen ist mir gut vertraut, obwohl ich sie noch nie zuvor gesehen und gesprochen habe. So weiß ich zum Beispiel, dass Doña Hilde für die zehn Geschwister in gewisser Weise Ersatzmutter wurde, als die leibliche Mutter bei der Geburt von Leonardo starb. Deshalb wird sie von allen auch liebevoll „Mamilda“ genannt. Und auch an Aydes Schicksalsschlag hatte ich vor drei Jahren Anteil, als ihr Ehemann bei einem schrecklichen Autounfall ums Leben kam. Ayde war gerade mit dem vierten Kind schwanger und nur ein paar Wochen vor dem Unfall waren die Kinder miteinander getauft worden. Onkel Leonardo war als Taufpate aus Barcelona angereist gewesen.

Sie laden mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. Es ist auch der Geburtstag von Don Julian. Jose Luis führt mich durchs Dorf und zeigt mir die wenigen Sehenswürdigkeiten. Wir besuchen auch den auf einem kleinen Hügel gelegenen Friedhof, von wo man einen schönen Blick auf die Ortschaft hat.

Nach dem Frühstück fahre ich heute mit P. Juan Carlos zunächst auf einen neben dem Dorf liegenden großen Hügel. Im letzten Jahr hat die Pfarrei auf dem Gipfel eine mächtige Christus-Statue errichtet. Von hier hat man einen 360-Grad-Blick über die weite Hochebene in die nahen Berge.

Wir besuchen die Población El Central, das Elternhaus der Aguirre-Kinder. Jetzt lebt hier Hugo mit seiner Ehefrau Graciela und dem Sohn. Die Familie lebt von den bescheidenen Erträgen der winzigen Landwirtschaft. Wir finden die drei auch mitten in der Feldarbeit auf einem Acker.

Unsere Fahrt geht weiter nach Incahuasi. Es ist nur 15 Minuten entfernt. Hier treffen wir wieder P. Victor in seinem Pfarrhaus. Die Kirche dieses kleinen Ortes ist etwas Besonderes, weil sie vollständig aus silbergrauen Steinen in einem schönen Kolonialstil errichtet ist. Und weil es nur weitere 15 Minuten zu fahren sind, besuchen wir auch noch das Dorf Villacanchas. Hier fällt mir zum einen auf, dass überall gebaut wird und dass die meisten Autos ohne Kennzeichen fahren. So weit entfernt von den staatlichen Behörden, erklärt mir P. Juan Carlos, ahndet das niemand. Man darf halt mit diesen Autos nur nicht in die Städte fahren.

Ziemlich pünktlich – nur eine halbe Stunde nach der ausgemachter Uhrzeit – kommen wir zum großen Mittagessen im Haus von Don Julian und Doña Hilda. Die ganze Familie Aguirre, soweit sie in und bei Culpina lebt, ist schon versammelt. Auch einige benachbarte Familien sind eingeladen und trödeln ein. Im kleinen Hof wurde aus vier Tischen eine festliche Tafel aufgebaut. Eine große Zeitplane wurde als Schattenspender über die Tafel gespannt. Es haben sich mindestens 30 Personen eingefunden, darunter auch viele Kinder. Den ganzen Vormittag war gekocht worden. Sogar ein Spanferkel wurde extra geschlachtet und zubereitet. Ich bin froh, dass der Anlass für das außergewöhnliche Festmahl nicht nur mein Besuch, sondern auch der 61. Geburtstag von Don Julian war.

Wie schön, an Orte zu kommen, wo man Menschen kennt. Es ist, wie nach Hause zu kommen.

Busbahnhof in Sucre, Donnerstag, 9. Februar 2017, 10:13 Uhr

Wieder sitze ich in einem Bahnhof und warte auf die Abfahrt meines Busses zum nächsten Ziel. Eine siebenstündige Reise steht vor mir, von Sucre über Potosi nach Camargo. Die Fahrten in den Cochecamas sind in der Regel ziemlich bequem und wenig anstrengend – und man sieht die Welt, durch die es geht.

In meinem Tagebuch lese ich zwei Texte, die ich mir in den letzten Tagen festgehalten habe, damit sie mir nicht verloren gehen in der Fülle der Texte, die ich täglich lese. Beim Beten des Morgen- oder Abendlobes aus dem Büchlein „Magnifikat“ bin ich auf sie gestoßen.
Du, weißt du …

Du, weißt du, wie ein Rabe schreit?
Und wie die Nacht, erschrocken bleich,
nicht weiß, wohin zu fliehen?
Wie sie verängstigt nicht mehr weiß:
Ist es ihr Reich, ist es nicht ihr Reich,
gehört sie dem Wind oder er ihr,
und sind die Wölfe mit ihrer Gier
nicht zum Zerreißen bereit?

Du, weißt du, wie der Wind schrill heult
und wie der Wald, erschrocken bleich,
nicht weiß, wohin zu fliehn?
Wie er verängstigt nicht mehr weiß:
Ist es sein Reich, ist es nicht sein Reich,
gehört er dem Regen oder der Nacht
und ist der Tod, der schauerlich lacht,
nicht sein allerhöchster Herr?

Du, weißt du, wie der Regen weint?
Und wie ich geh, erschrocken bleich,
und nicht weiß, wohin zu fliehn?
Wie ich verängstigt nicht mehr weiß:
Ist es mein Reich, ist es nicht mein Reich,
gehört die Nacht mir, oder ich, gehör ich ihr,
und ist mein Mund, so blass und wirr,
nicht der, der wirklich weint?

(Selma Meerbaum-Eisinger, 1924-1942, 4.3.1941)
Die Texte von Selma Meerbaum-Eisinger hab ich vor ungefähr zehn Jahren kennengelernt. Die Schweizer Klezmer-Band „Kol Simcha“ hat einige ihrer Gedichte vertont und auf der CD „Selma“ mit bekannten Sängern eingespielt. Von Anfang an hat mich neben der lyrischen Musik vor allem auch die Ausdrucksstärke und Tiefe der Sprache Meerbaum-Eisingers fasziniert. Man muss sich bewusst sein, dass die Poetin bei der Abfassung ihres Gedichtes erst 17 Jahre jung war! Der jungen Frau mit jüdischer Herkunft war leider auch nur sehr wenig Zeit vergönnt, ihre Gedanken und Gefühle in Form von Gedichten niederzuschreiben. Mit gerade 18 Jahren wurde sie in einem der Konzentrationslager des Dritten Reichs ermordet.

Was für eine Lebenserfahrung, die da aus ihren Texten spricht! Welche Reife! Welche Tiefe! Und welch blühendes, strahlendes, ansteckendes Leben, trotz des unglaublichen, unsagbaren Leides, dem sie und ihre Familie scheinbar hoffnungslos ausgeliefert war!

Die Nacht, der Wald und der Regen fallen unbarmherzig über die Welt ein, und auf das Mädchen. Der schreckliche Schrei eines Raben erfüllt die Nacht mit Angst. Ein schriller Wind heult durch die Nacht. Ein kalter Regen ertränkt jede Hoffnung. Nacht, Wald und Mensch fragen sich nach dem Sinn. Dem Sinn des Ganzen. Dem Sinn ihrer Existenz und ihres Daseins.

Ist es das Reich der Nacht? Das Reich des Waldes? Mein Reich? Oder: Ist es nicht das Reich der Nacht? Nicht das Reich des Waldes? Nicht mein Reich? Der durchdringende Schrei eines Raben weckt in der Nacht eine aussichtslose Verzweiflung, erfüllt sie mit schrecklicher Angst, lässt sie erschrocken erbleichen.

Was verursacht was? Die Nacht den Wind? Oder: Der Wind die Nacht? Zu dem Angst einflößenden Schrei des Raben kommt die verschlingende Gier der Wölfe. Absolute Nacht. Absolute Gefangenschaft. Völlige Aussichtslosigkeit. Kein Entkommen.

Sogar der Wind, der der Nacht ihre Aussichtslosigkeit vorhält, irrt wirr ohne Ziel durch den grenzenlosen Wald. Und, obwohl er doch eigentlich farblos ist, erbleicht er vor blindem Schrecken. Weiß nicht, wohin er fliehen soll. Ja, und ist er nicht, der Wind, auch verursacht vom Tod selbstpersönlich? Die bewegte Luft, der wild heulende Wind, also das Gefährt des Todes!

Was für ein Gegensatz: In den ersten Zeilen der Genesis, dem ersten Buch der Heiligen Schrift der Juden und von uns Christen, begegnet uns die bewegte Luft, der zart gehauchte Atem als schöpferisches Gefährt des Lebens. Bewegte Luft, Leben und Tod zugleich?! Wer haucht den lebensspendenden Atem? Wer bläst den heulenden, vernichtenden Wind? Wer ist Herr? Wer herrscht in allem?

Nicht nur Wind bläst durch die Nacht. Auch Regen peitscht ins Gesicht. Ist es der Tränen-Regen des Schreckens, der Hoffnungslosigkeit? Pure Angst. Nacht. Was hat diese Nacht mit mir zu tun? Bin ich gefangen in ihr? Ist sie gefangen in mir? Wer ist Herr? Wer herrscht?

Ist es mein Reich, ist es nicht mein Reich? Seit acht Jahren breiten die Nazis die schreckliche Herrschaft ihres „Dritten Reiches“ aus und seit zwei Jahren ist es ausgeartet in einen Welt umspannenden, alles vernichtenden Krieg. Das ist es, was die junge, lebenshungrige Selma als alles beherrschendes „Reich“ furchtbar erleben muss. Ein Reich, das nichts Leben lässt. Das alles vernichtet und zerstört.

„… und ist mein Mund, so blass und wirr, / nicht der, der wirklich weint?“

Wer oder was kann mir den Mund verbieten? Wer den verzweifelten Schrei verstummen machen? Wer den Speichel der Tränen versiegen?
Die blassen Lippen gleichen der bleichen Nacht. Die wirren Schreie dem heulenden Wind. Die Tränen der Angst dem Regen der Nacht.
Und: Gleicht nicht auch der heulende Wind dem hauchenden Atem?

Niemand und nichts kann dem lebendigen Menschen die Hoffnung auf Leben nehmen! Alles, was den Tod bringen kann, könnte gleichzeitig auch Leben schaffen. „Könnte!“ Dieser Funke Konjunktiv ist trotz allem in allem enthalten. Dieser Funke Hoffnung. Dieser Funke Leben. Und keine Nacht, kein Wind, kein Regen kann den Funken Leben auslöschen! Auch keine Gaskammer!

Allem Wesen, jedem Sein, und vor allem: jedem Menschen ist dieser Funke Leben eingepflanzt. Auf ewig.
Den meine Seele liebt,
der ist das Licht.
Er spricht: Ich bin
das Licht der Welt.
Wir stehn darin.
Halleluja.

Den eure Seele liebt,
der ist da!
Dringt ohne Ton
durch alle Nacht,
Licht in Person.
Halleluja.

Er wandelt dich,
er wandelt mich,
zieht unsere Finsternis in sich.
Er stirbt daran,
steht auf und lebt,
sein Reich bricht an!
Halleluja.

(Silja Walter, 1919-2011)
Er ist es, der den Funken Leben zum Feuer anhaucht. Der den fast erloschenen Funken wieder zum lodernden Feuer erstehen lässt. Der beatmet, und nicht erstickt. Er ist das Licht, das erleuchtet. Der jede Nacht und alle Finsternis in sich aufsaugt. Er ist es, der lautlos alles durchdringt – und verwandelt. Der dem Tod Leben einhaucht. Der vom Tod zum Leben auf steht. Dessen Reich anbricht.

Silja Walter, die dichtende Benediktinerin Schwester M. Hedwig OSB aus der Schweiz, dürfte in ihrem Leben ein anderes Reich erfahren als die junge jüdische Poetin Selma Meerbaum-Eisinger. Nicht nur in dem beschaulichen Klosterleben, auch im stumpfen Alltag hat sie die Leben spendende „Herrschaft“ und Gegenwart des jüdisch-christlichen Gottes erfahren.

„Du, weißt du…“ Selma Meerbaum-Eisinger richtet sich mit ihrer Klage an ein Du. Sie hält einem Du die tragische Situation, ihre tragische Situation vor Augen. Es ist eine Klage. Eine Klage im Stil des alttestamentlichen Jiob, der Gott sein unendliches Leid klagt. Jiob will sich nicht mit seinem Leid abfinden. Herausfordernd klagt er Gott an. In dieser Klage steckt der Funke Hoffnung, der Funke Vertrauen, dass trotzdem in allem ein Sinn stecken muss. Ein Sinn, den nur Gott kennen kann.

„Du, weißt du…“

„Er wandelt dich, / er wandelt mich, / zieht unsre Finsternis in sich.“

Die junge Poetin Selma Meerbaum-Eisinger hält ihr Leben dem Du hin, mit dem Funken Hoffnung, dass er ihr den Sinn erklären kann. In der Schriftstellerin und Klosterfrau Silja Walter konnte das tiefe Vertrauen und der Glaube heranreifen, dass Er jede Finsternis verwandeln wird.

Wer ist das Du, dem ich mein Leben, meine Not, mein Leiden Vorhalte? An den ich mein Klagen und Fragen richte?

 

Auf dem Weg von Concepción zurück nach Santa Cruz, Dienstag, 7. Februar 2017, 17:15 Uhr

Vor gut drei Stunden sind wir losgefahren. Ich hab mich wieder für einen „trufi“, einen dieser Minibusse, entschieden. Die Fahrt in diesen Bussen ist zwar ein wenig teurer als in den Bussen der flota und auch nicht so bequem, sie fahren aber wesentlich schneller und nicht nur zu bestimmten Uhrzeiten. Wenn die Sitzplätze eines trufis besetzt sind – in der Regel sind das ungefähr elf – geht’s los. Um sechs, spätestens halb sieben müsste ich in Santa Cruz sein.

Ich bin nun doch von Concepcion heute schon wieder umgekehrt. Auf der Rute der ehemaligen Jesuiten-Reduktionen in der Chiquitania gäbe es natürlich noch viel mehr sehenswerte Kirchen und Orte. Aber da bräuchte ich mindestens zwei Tage zusätzlich. Ich möchte mich aber morgen in Sucre mit Franziska, meiner Nichte, treffen, die in der letzten Woche mit Freundinnen durch Peru reiste.

Gestern Vormittag, gegen elf, bin ich in San Javier angekommen. Es ist die erste Reduktion, die die Jesuiten bei ihrer Missionierung der Chiquitania im Jahr 1691 errichtet haben. Der Schweizer Jesuit P. Martin Schmidt war Architekt und Baumeister. Auch die meisten anderen Kirchen auf der Rute der Reduktionen wurden von ihm gebaut. Der ganz spezifische B austil hat viel gemeinsam mit der typischen Holzbauweise in der Schweiz. Die Patres legten die Siedlungen immer nach dem gleichen Prinzip an: Um den zentralen, quadratischen Hauptplatz – geschmückt mit einem mächtigen Missionskreuz – befinden sich auf der einen Seite die barocke Kirche und die dazugehörigen anderen kirchlichen Gebäuden, an den anderen drei Seiten stehen in Reih und Glied die länglichen Wohnhäuser der Bürger.

Die Reduktionen waren aber nicht bloß Dörfer oder Siedlungen für die Indiginas, die Quaranís. Jede Reduktion war eine eigene Republik mit eigener Verwaltung und Infrastruktur, also eine autarke Gesellschaft, völlig unabhängig von den spanischen Kolonialherren. Natürlich zahlten sie ihre Steuern an die europäischen Herrschern, die Patres achteten aber streng darauf, dass die Eingeborenen ihr eigenes Leben leben konnten. Einzige Bedingung, sie mussten sich taufen lassen und sich nach den kirchlichen Geboten richten. Wie es sich für die Jesuiten gehört, war jedes Dorf mit einer guten Schule ausgestattet, wo die Kinder und Jugendlichen vor allem auch in der Kunst des Holzschnitzens und der Musik ausgebildet wurden. Und gerade in diesen beiden Künsten erwies sich das Volk der Quaranís als sehr begabt. Was die Baukunst der Jesuiten und Indigenas in der Chiquitania im 17. und 18. Jahrhundert hervorbrachte, ist ohne Übertreibung mit dem Barock in Europa vergleichbar. Natürlich merkt man den europäischen Einfluss durch die Jesuiten. Trotzdem ist aber hier was wirklich Eigenständiges entstanden.

Am meisten gespannt bin ich aber auf die Musik, die in den Reduktionen in jener Zeit erklang. Neben den europäischen Klassikern aus der Renaissance und dem Barock, gab es anscheinend auch zahlreiche Komponisten unter den Patres, sowie unter den Eingeborenen. Auch der P. Martin Schmidt war nicht nur ein bedeutender Baumeister, sonder auch ein hervorragender Organist und Komponist. Adolfo Bittschi hat mir in eine CD hineinhören lassen, die bei einem der alle zwei Jahre stattfindenden Festivals der Renaissance- und Barockmusik in der Chiquitania aufgenommen worden war. Antonio, der Moderator eines lokalen Radiosenders in Concepción, der mich auf der Plaza Principal angesprochen und interviewt hatte, verkaufte mir eine CD mit Aufnahmen dieser Musik. Das Besondere der Aufnahme ist für mich, dass es von dem Orchester und dem Chor der Musikschule in Concepción eingespielt und gesungen wurde, die in den 90-er Jahren von dem aus Eichstätt stammenden Franziskanerpater Reinaldo Brummberger gegründet wurde. Er hat damit die alte Musiktradition der Jesuiten wieder aufleben lassen. Ein paar Jahre nach Gründung der Musikschule wurde dann auch das genannte Musikfestival ins Leben gerufen.

Zuvor hatte der bayerische Franziskanerbischof Antonio Eduardo Bösel ofm von Concepción veranlasst, dass so gut wie alle Kirchen in der Chiquitania von Grund auf restauriert und zum Teil wieder völlig neu errichtet worden waren. (Noch eine kleine persönliche Note am Rande: Bischof Bösl durfte ich vor ca. 30 Jahren in Fockenfeld kennenlernen, wo ich mit einem seiner Neffen zur Schule ging!) Bischof Bösl konnte den Schweizer Architekten Hans Roth für die Restauration gewinnen, was sich als einmaliger Glücksfall erweisen sollte. So wurde zwischen 1987 und 1993 eine Vielzahl der Bauwerke aus der alten Zeit restauriert und sind nun völlig intakt und in neuem Zustand wieder hergestellt.

Gerne hätte ich mich mit P. Reinaldo Brummberger, der heute Pfarrer in San Antonio in Santa Cruz ist, getroffen, um mich mit ihm über die Musik und den Barock in der Chiquitania zu unterhalten. Leider hat es nicht geklappt. Ich habe mehrmals versucht ihn anzurufen und ihm auch eine Nachricht geschickt, ihn aber nicht erreicht.

San Javier, die erste Station, wo ich Halt mache, ist nicht nur die erste Reduktion, die die Jesuiten in der Chiquitania gründeten, sie ist auch die erste, die von Hans Roth restauriert wurde. Sie ist noch relativ einfach gehalten. Auch die Restauration wurde sehr behutsam vorgenommen. Kirche und angegliederte Gebäuden wirken sehr ursprünglich. Man merkt den mächtigen Holzsäulen die Jahrhunderte an, die sie schon die Dächer tragen. Gleichzeitig sind sie aber wieder völlig intakt hergestellt.

Concepción, eine Busstunde weiter, merkt man dagegen an, dass es Bischofsstadt ist. Diese Pfarrkirche und Kathedrale, haben die Franziskaner in weit größerem Glanz wieder erstrahlen lassen als San Javier. Die farbenfrohen Reliefbilder, der goldene Stuck, die kunstvollen Schnitzereien und die reich geschmückten weißen Wände zeugen von der hohen Baukunst der Menschen hier vor 450 Jahren. Und trotz des herrlichen Prunk, ist alles auch von einer bescheidenen Einfachheit durchzogen. Nichts übertrieben, protzig oder angeberisch. Viel schlichter, als ich es bei den Kolonialbauten in Santiago, La Paz oder Sucre gesehen habe.

Was für eine Tragödie, dass diese Zentren der barocken Hochkultur Ende des 18. Jahrhunderts nach nur gut hundert Jahren schon wieder ihr jähes Ende fanden. In dem unsäglichen Zwist zwischen der spanischen und portugiesischen Krone, in der auch die römische Kirche eine sehr unrühmliche Rolle spielte, hat König Karl III. im Jahr 1767 die Jesuiten gezwungen, alle ihre Reduktionen in ganz Südamerika zu verlassen. Ein erfolgreiches Experiment im pastoralen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Sinn war zu Ende. Doch während in Brasilien, Paraguay und Argentinien sich über den Reduktionen der Dschungel schloss, wurden die meisten bolivianischen nicht zerstört. Die Bewohner hielten hier an ihrer christliche-guaranischen Lebensweise und an ihren Traditionen fest und gaben auch ihre Dörfer nicht auf.

(Leider schaffe ich es nicht, die guten Fotos von meinem Mobiltelefon in dieses Blog-Programm rüber zu laden. Deshalb nur eine sehr kleine – und nicht allzu gute – Auswahl der tausenden Fotos, die ich gemacht habe!)