Santiago de Chile, Samstag, 28. Januar 2017, 11:01 Uhr

„No para“ – „Sie kann nicht stillhalten!“ sagt Maruja über ihre Mitschwester Karoline. Stimmt. Karoline ist ständig unterwegs. Dabei wirkt sie aber auf keinen Fall gestresst. Vielmehr ist sie ganz wach und aufmerksam bei der Person und bei der Sache, der sie sich gerade widmet. Nichts entgeht ihr. Jede Kleinigkeit nimmt sie wahr. Niemanden übersieht sie. Jeder bekommt von ihr einen freundlichen Blick, einen lieben Gruß, eine zärtliche Berührung, einen Kuss auf die Wange, eine innige Umarmung. Der Arzt im Consultorio genauso wie der Drogenabhängige auf der Straße, die alte Frau im Behindertenzentrum genauso wie die werdende Mutter im Kindergarten.

Karoline sieht jeden und Karoline kennt deshalb auch jeden. Sie liebt die Menschen. Und die Menschen lieben sie. Wir lieben sie. In ihrer Gegenwart ist man wer. Ist man wichtig, hat man Würde und ist groß. Das macht einen froh und glücklich. Das ist der Kern ihres Werkes. „Das Geheimnis ist immer die Liebe“, so der Titel ihres ersten Buches.

Über 20.000 Menschen sind registriert und werden im Consultorio, im Gesundheitszentrum an der Avenida de Recoleta betreut. Viele der Ärzte behandeln in ihrer Freizeit oder ehrenamtlich. Ich verstehe ja nichts von Krankenhäusern, aber ich sehe das Zentrum sehr gut ausgestattet. Viele Geräte sind relativ modern und neu. Das ist sicher auf Karolines gute Kontakte in die ganze Welt zurück zu führen. Entscheidend ist aber, betont Karoline, die ganzheitliche Behandlung: eine medizinische, psychosomatische, soziale und geistliche Behandlung. „Todo con amor – Alles mit Liebe.“ In einem benachbarten Schulgebäude werden Krankenschwestern und Krankenpfleger ausgebildet. Leider übernimmt der Staat die Finanzierung von nur einem Semester. Karoline kämpft mit aller Kraft, dass der chilenische Staat endlich seine Unterstützung weiter ausbaut.

Mittag nehmen wir an der gratuación, an der Entlassfeier von sechs Kursen von Krankenschwestern und -pflegern (ca. 150 SchülerInnen) teil. Sie findet in der Aula des Berufsbildungszentrum „Clodario Blest“ statt. Die Halle ist voll von strahlenden Gesichtern, stolze junge Leute und noch stolzere Eltern. Ohne die „Fundación Cristo vive“ hätten die jungen Leute aus diesen Verhältnissen so gut wie keine Chance zu so einer Ausbildung, und damit auch keine Chance, sich und ihren Familien eine einigermaßen sichere Existenz aufzubauen. Der jungen Frau, die im Namen aller Absolventinnen eine kleine Ansprache hält, stockt manchmal das Wort im Mund vor lauter Dankbarkeit und Rührung.

Die Entlassfeier für die Ausbildungskurse des Berufsbildungszentrum ist dann am Nachmittag. Die Schüler von 20 Kursen bekommen feierlich ihr Diplom überreicht. Sie haben eine Ausbildung zum Automechaniker, Autoelektroniker, Hauselektriker, Installateur, Schreiner, Zimmerer, Schmied, Koch, Kaufmann oder Buchhalter gemacht (Sicher fehlen noch Berufsausbildungen, ich konnte mir nicht alle merken!).

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