Santiago de Chile, Samstag, 21. Januar 2017, 01:22 Uhr

Der Tag beginnt mit dem Evangelium. Täglich fangen die Schwestern um 8 Uhr den Tag mit dem „evangelio cotidiano“, dem Lesen und Austausch über das Tagesevangelium an. Danach gibt’s Frühstück. Es ist eine winzige Hütte. Im Erdgeschoss ein „Wohn- und Esszimmer“ mit maximal vier auf drei Meter, eine winzige Küche, eine Meditationsecke und ein WC mit Dusche. Im Stock drüber sind drei kleine Schlafzimmer für Karoline, Maruja und Teresa. Zum Bibelteilen kommen 6 bis 8 Personen. Alle haben sie um den kleinen Tisch Platz. Es ist die einfachste Form eines Wortgottesdienstes: Ein gemeinsames Lied, jemand betet spontan ein Gebet vor, wir lesen das Tagesevangelium, nach einer kurzen Stille tauschen wir uns darüber aus, und dann schließen wir wieder mit einem Lied ab. Meistens sagt jeder ein paar Gedanken zu dem Bibeltext. Keine Diskussion. Meistens ist es ganz was Konkretes und Persönliches. Es wird nicht theologisiert. Vielmehr ganz praktisch sich ausgetauscht. Ich bin jedesmal richtig erstaunt – und auch etwas beschämt – wie „einfach“ das Wort Gottes und seine Botschaft doch sein können. Nicht so kompliziert, wie meine theologischen Gedanken. Am Mittwoch, an meinem ersten Morgen, feierten wir eine Messe. Mittwochs kommt immer der befreundete Pfarrer P. José. Eine Tischmesse. Einfachst. Sehr intensiv und tief.

Inzwischen habe ich schon alles möglich erlebt. Heute nach dem Frühstück wurde ich gebeten in der Leichenhalle neben der Kirche mit Angehörigen vor dem Sarg ihres verstorbenen Vaters zu beten. Beten heißt aber für mich als Priester aber immer auch, Zeugnis vom Evangelium zu geben. Die Leute warten auf ein tröstendes, aufbauendes und stärkendes Wort.

Inzwischen kennen mich schon einige im Viertel. Sie grüßen mich freundlich und kommen vielleicht sogar auf mich zu. „El padre alemán de España.“ Aber was noch entscheidender ist: „Un amigo de Karoline.“ Sie wird im ganzen Viertel regelrecht wie eine Heilige verehrt. Es ist ja auch gewaltig und unvorstellbar, was sie – mit ihren Mitschwestern und MitarbeiterInnen – alles aufgebaut hat. Entscheidender aber, denke ich, ist, die Art, mit der sie den Menschen begegnet. Jeden, egal wen, nimmt sie förmlich in die Arme und drückt ihn aus vollstem Herzen. Uneingeschränkt schenkt sie sich und ihre ganze Liebe jedem, der ihr begegnet, ohne Unterschied.

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