Mein Jona

Irgendwie ist er mir der Liebst unter den Propheten. Ja, vielleicht sogar der Liebste überhaupt unter den unzähligen interessanten Gestalten im Alten Testament, der Jona. Nicht sehr viel wird uns von ihm berichtet. Das Buch Jona ist eines der kürzesten Bücher in der Heiligen Schrift. Gerade mal vier kurze Kapitel umfasst es. Gerade mal zwei Seiten in der Einheitsübersetzung.
Aber es ist eine Geschichte, die’s in sich hat. Eine sehr anschauliche Geschichte. Und auch eine Geschichte, die mich immer wieder neu ergreift, weil ich mich so sehr selber darin finde. Weil es meine Geschichte ist. Weil ich immer das Gefühl habe, irgendwie bin das ich, dieser Jona.
„Mach dich auf den Weg…“
Jona bekommt einen Auftrag. Jona weiß ganz genau, was er zu tun hat. Es ist ihm völlig klar, dass dieser Auftrag eben genau sein Auftrag ist. Er muss das erledigen. Die Sache hängt nun mal genau von ihm ab und er kann sich da irgendwie nicht drumrum drücken. Er kann das nicht einfach auf andere abwälzen, wie er es sonst so gern und so oft tut.
„… doch er wollte … fliehen, weit weg vom Herrn.“
Wenn ich vor etwas Angst habe, dann verdufte ich einfach. Dann hau ich einfach ab. Ich tu so, als wüsste ich gar nichts davon.
„Aber der Herr ließ … einen heftigen Wind losbrechen…“
Was ich einmal weiß, das weiß ich. Was mir einmal gesagt wurde, das ist mir gesagt. Davor kann ich mich nicht wirklich drücken. Ob ich will oder nicht, ich muss mich dem stellen. Ich kann dem nicht ausweichen. Und es wird mich auch nicht in Ruhe lassen. Nie werde ich davor fliehen können. Es wird noch heftiger kommen. Es wird mich noch mehr beuteln und herum werfen, verunsichern und durcheinander bringen.
„Die Männer aber ruderten mit aller Kraft, um wieder an Land zu kommen; doch sie richteten nichts aus, denn das Meer stürmte immer heftiger gegen sie an.“
Und der Sturm in mir, wird auch andere mit ins Wanken bringen. Auch andere drohe ich immer mehr mit in mein Unglück zu ziehen.
„Der Herr aber schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang.“
Ich kann mich einfach nicht mehr retten. Ich werde verschlungen. Die ganze Welt bricht über mich zusammen. Nichts mehr im Griff. Völlige Dunkelheit. Total außer Gefecht. Tod.
„Der Herr aber schickte…“
Wie? Was? – Der Herr schickte ?????
Soll das ganze Unglück irgend einen Sinn haben? Kein sinnloses Schicksal?
Tut mir leid!! Ich seh‘ keinen Sinn! Ich sehe ja sowieso rein gar nichts. Bin wie blind. In einer völligen Dunkelkammer total abgeschieden von der Welt.
„Der Herr aber schickte…“
Hat das Ganze also doch einen Sinn? Ist da also noch jemand, der das Ganze durchschaut? Der einen Zusammenhang sieht? Der dem Ganzen vielleicht einen Zusammenhang und Sinn gibt?
Aus meiner Perspektive kommt mir das aber ziemlich zynisch, ja sogar etwas teuflisch vor. Wieso schickt mich der ins Unglück? Warum?
Oder?
Aus seiner Perspektive: Verfolgt er da vielleicht etwas damit? Zu meinem Gunsten?
„… und er betete im Bauch des Fisches zum Herrn, seinem Gott:
 
In meiner Not rief ich zum Herrn,
und er erhörte mich.
 
Aus der Tiefe der Unterwelt schrie ich um Hilfe,
und du hörtest mein Rufen.
 
Du hast mich in die Tiefe geworfen,
in das Herz der Meere;
 
mich umschlossen die Fluten,
all deine Wellen und Wogen
schlugen über mir zusammen.
 
Ich dachte: Ich bin aus deiner Nähe verstoßen.
Wie kann ich deinen heiligen Tempel wieder erblicken?
 
Das Wasser reichte mir bis an die Kehle,
die Urflut umschloß mich;
Schilfgras umschlang meinen Kopf.
 
Bis zu den Wurzeln der Berge,
tief in die Erde kam ich hinab;
ihre Riegel schlossen mich ein für immer.
 
Doch du holtest mich lebendig aus dem Grab herauf,
Herr, mein Gott.
 
Als mir der Atem schwand, dachte ich an den Herrn,
und mein Gebet drang zu dir,
zu deinem heiligen Tempel.
 
Wer nichtige Götzen verehrt,
der handelt treulos.
 
Ich aber will dir opfern
und laut dein Lob verkünden.
 
Was ich gelobt habe, will ich erfüllen.
Vom Herrn kommt die Rettung.
 
Da befahl der Herr dem Fisch, Jona ans Land zu speien.“
Jona wendet sich an den Herrn. Jetzt kann Jona gerettet werden.
„Das Wort des Herrn erging zum zweitenmal an Jona: Mach dich auf den Weg…“
Es ist noch nicht vorbei. Ich wurde gerettet, ich habe wieder Oberwasser gefunden, bin wieder aufgetaucht, kann wieder atmen, hab wieder Überblick und kann klar denken.
Aber schon ist sie wieder da, meine Verantwortung, mein Auftrag. Ich kann und darf mich dem nicht entziehen.
„Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang…“
Es gibt keine andere Möglichkeit. Ich muss mich dem Ganzen wirklich ganz stellen. Ganz hineinbegeben.
„Und die Leute von Ninive glaubten Gott.“
Das gibt’s doch nicht!!!??? Die ändern sich ja wirklich!? Hab ich das jetzt bewirkt? Tun die das jetzt wegen mir? Was geht da vor?
„Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus.“
Ich kann wirklich was verändern! Ich kann Unheil abwenden! Ich kann retten!
Ja, ich kann sogar Gott bewegen!
„Das mißfiel Jona ganz und gar, und er wurde zornig.“
Oh, Mann! Es liegt also an mir!! Es kommt also auch auf mich an! Ich kann mich meiner Verantwortung also wirklich nicht entziehen!!
„Darum nimm mir jetzt lieber das Leben, Herr! Denn es ist für mich besser zu sterben als zu leben.“
Es ist ein entscheidender Unterschied, wie ich meiner Verantwortung nachkommen, wie ich meine „Aufgaben“ erfülle. Überzeugt und mit dem ganzen Herzen oder innerlich ablehnend und widerwillig.
Auf die Dauer macht es krank und depressiv, wenn ich etwas nicht wirklich überzeugt tue, wenn ich meinem eigenen Tun nur ablehnend und widerwillig gegenüber stehe.
„Dir ist es leid um den Rizinusstrauch, für den du nicht gearbeitet und den du nicht großgezogen hast.“
Mir tut etwas leid, wenn ich davon berührt werde, wenn es mich direkt betrifft. Jona hat im Grunde gar kein „Mitleid“ mit dem Rizinusstrauch. Jona hat nur „Mitleid“ mit sich selber. Der Strauch hat ihm zunächst Schatten gespendet und gut getan, dann war er plötzlich wieder weg. Das hat Jona leid getan. Ganz und gar und nur auf sich fixiert.
 
„Mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können …?“
Gott ist ganz auf den Menschen fixiert. 120.000. Alle. Es gibt keinen Menschen, den er nicht sieht und um den es ihm nicht leid wäre.
Und er sieht vor allem unsere Hilflosigkeit. Er sieht, wie sehr wir seine Weisung brauchen, damit wir Orientierung finden. Damit wir Leben finden.
Um den Menschen diese Orientierung, dieses Leben geben zu können, braucht er mich.
Alles, was ich tue, muss ich gut und ganz tun. Ehrlich. Mit ganzem Herzen. Barm-herzig. Mit Liebe.

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