et incarnatus est

Wahrscheinlich hab ich mir auch in den letzten Jahren schon ein paar mal Adventsgedanken über Bachs h-moll-Messe gemacht. Tut mir leid. Aber ich komme gerade vom Palau de la Música und bin noch völlig überwältigt von dieser „Kathedrale aus Musik“ (Jordi Savall).
Übrigens ein hervorragende Aufführung vom Balthasar-Neumann-Chor und Ensemble unter der Leitung von Thomas Hengelbrock.
Besonders beeindruckt hat mich wieder das „Et incarnatus est“. Bei den langsam in Kreuzmotiven herabschwebenden Streichern und der simplen Fuge der fünf Solisten, Alt beginnt ganz einfach mit den vier Tönen des h-moll-Dreiklangs und lässt sie gemächlich nach unten fallen, da kommt mir immer das Bild von luftigen Schneeflocken oder leichten Herbstblätter, die zart auf die Erde segeln.
„Et incarnatus est – Und das Wort ist Fleisch geworden“. Gott, das Wort, sein Versprechen, seine Zusage kommt ganz leise, zaghaft, sanft. Fast unauffällig befeuchtet es die Erde, dringt es in die Mutter Erde ein, befruchtet es.
Bach braucht dafür fast keine Melodie, oder besser gesagt keine Tonleiter. Er nimmt ganz einfach die Töne der Dreiklänge und lässt sie in abfallenden Viertelnoten nacheinander erklingen. Die perfekte Melodie: einfacher kann man keinen Dreiklang, keine Harmonie erzeugen.
Das Wort Gottes ist einfach. Die perfekte Harmonie. Leise, fast überhörbar kommt es an.
Und kaum ist das Wort auf die Erde gefallen – auf die Muttererde Maria – schon geht es auf, sprießt etwas Neues, wie kleine zarte Pflänzchen nach oben, „ex Maria virgine – aus der Jungfrau Maria“.
In Maria hat das Wort Frucht gebracht.
„et homo factus est – und ist Mensch geworden“. In den letzten acht Takten richtet Bach nun den Menschensohn auf. Jetzt sind es die vier Töne des e-moll-Akkordes, die genauso zart und einfach wie zuvor der abfallende et-incarnatus-est-Dreiklang, jetzt selbstbewusst und sicher aufsteigen.
Das ewige und aus dem unergründlichen Geheimnis herabsteigende Wort Gottes hat sich mit dem irdischen Fleisch verbunden und einen neuen Menschen geschaffen.
Eine unauffällige und kleine Nebensächlichkeit, die man leicht überhört: Bevor der Sopran in den letzten vier Takten den reinen e-moll-Dreiklang aufrichtet, erhebt er sich noch in zwei kleinen „kreuzmotivartigen“ Terzsprüngen. Bach hat da schon leise das Kreuz angedeutet.
Das anschließende „Cruxifixus“ ist nun wieder von herabsteigenden und aufsteigenden Linien geprägt. Das Kreuz, der Christus wird in die Erde gerammt. Und das Kreuz wird aufgerichtet. Christus, der Menschensohn, wird erhöht.
Allein in der menschlichen Schwäche kommt Gottes Größe zum Vorschein. In Jesu Tod wird seine Herrlichkeit offenbar („Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!“ bekennt bei Markus der römische Hauptmann nach dem Tod Jesu.). Deshalb ist Erniedrigung und Erhöhung Jesu eins.
Paulus hat es in seinem Christus-Hymnus im Philipperbrief verdichtet:
Er (Christus Jesus) war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,
sondern er entäußerte sich
und wurde wie ein Sklave
und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich
und war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat ihn Gott über alle erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde
ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu
und jeder Mund bekennt:
„Jesus Christus ist der Herr“ –
zur Ehre Gottes, des Vaters.
(Phil 2,6-11)
Hier die gesamten h-moll-Messe in einer fantastischen Aufnahme von Jordi Savall. Das „Et incarnatus est“ beginnt bei 1:01:00.

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