Leidenschaft ist wichtiger als Logik

Der Schriftsteller Ralf Rothmann hat vor ein paar Tagen in München den „Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken“ verliehen bekommen. Mich hat schon immer die ehrliche, ungeschminkte, manchmal sogar etwas hart klingende Sprache seiner Gedichte, Romane und vor allem seiner Erzählungen fasziniert. Er versteht es die Menschen und ihre Welt so zu beschreiben, wie sie sie erfahren, anstrengend, überhaupt nicht fantastisch, nicht selten tragisch. Aber gerade in dieser harten und tragischen Realität zeichnet Rothmann in seinen Erzählungen die oft schon fast kaputten Gestalten mit viel Respekt und Zuneigung, ja ich möchte sogar sagen, mit Liebe.
Bei seiner Dankesrede in München verglich er das Schriftsteller-sein/Dichter-sein mit dem Christ-sein:
Man versucht, Schriftsteller zu sein, und das heißt zunächst, mit Sprache zu arbeiten. Aber deswegen ist man natürlich noch lange kein Dichter. Das ist eine andere, wie ich glaube metaphysische Kategorie, und keiner, der es wahrhaftig ist, wird von sich sagen, dass er es sei. Ähnlich verhält es sich übrigens mit dem Christsein. Warum nur habe ich stets das Gefühl, jemand hält mir eine Polizeimarke unter die Nase, wenn er sagt, er sei Christ, Muslim, Hindu, oder was es noch gibt? Weil ich nicht glaube, dass man Christ sein kann. Säße hier ein einziger Christ im Raum, wären wir alle erlöst. Christ, in der innigsten Bedeutung des Wortes, kann man immer nur werden wollen, darin liegt ja das Heil dieser Religion. Und so ist es mit der Literatur. Niemand, der es wirklich ernst meint, hält sich für einen Dichter, trotz aller Bücher und Preise nicht. Man kann es immer nur werden wollen, und jede Zeile, die man zu schreiben unternimmt, ist ein neuer Versuch in die Richtung.
Sind das nicht auch adventliche Gedanken?
Ich muss mich immer wieder auf machen, um das zu werden, was ich sein will, sein soll. Ich bin nie fertig. Ich darf nie die Leidenschaft aufgeben, der Wahrheit näher zu kommen.
Kirche, die katholische Kirche, das ist für mich vor allem Erinnerung an die Kindheit, an den Weihrauchduft und die Blumen unter dem Kristallkreuz, an das stille Warten in der Sakristei. Vor fünfzig Jahren wollte ich so gern Ministrant werden, sah mich aber außerstande, die lateinischen Texte zu lernen, ohne ihre Bedeutung zu kennen (niemand teilte sie uns damals mit). Also wurde ich als Lektor eingesetzt, meiner passablen Stimme wegen, manche nannten das auch „große Klappe“, und ich habe das geliebt. In meiner Familie, der eines Bergmanns und einer Kellnerin, gab es nämlich keine Bücher. Mein Vater las zum Einschlafen „Jerry Cotton“-Hefte, meine Mutter hörte Radio und so wurden die Briefstellen der Apostel, die ich in den Gottesdiensten vorzulesen hatte, meine erste Begegnung mit Literatur – wobei es dem knapp Zehnjährigen wieder einmal so ging, dass er nur wenig verstand von dem, was er da las. Doch es war die beseelte Sprache, die mich über die Zeilen trieb, und ohne es zu ahnen, lernte ich einiges über ihren musikalischen Geist. Vor dem inneren Auge die Farben der Vokale, das Vibrieren der Konsonanten in Kehle und Brust, ließ ich mich mitreißen von der klanglichen und rhythmischen Kraft der Paulussätze. Und weil der Goldschnitt die Seiten gelegentlich zusammenklebte, befand ich mich nach dem Umblättern mit zitternden Fingern schon mal in einem Johannes- oder Petrusbrief – und las befeuert einfach weiter. Was aber meistens niemand bemerkte, auch der Pfarrer nicht; meine Inbrunst machte den Fehler wett. Und auch das war eine Lektion für das spätere Schreiben: Leidenschaft ist wichtiger als Logik.

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