Fastengedanke zum Samstag der 4. Fastenwoche

Ich bin wieder zurück in Barcelona. Ich hatte das Privileg, mir 3 1/2 Tage Auszeit im Kloster Poblet zu nehmen.
Ja, es ist ein Privileg, dass ich mir diese Zeit ab und zu nehmen kann. Dann, wenn es vielleicht einmal bitter nötig ist, aber auch dann, wenn es einfach mal wieder an der Zeit ist, damit nicht irgendwann alles drunter und drüber geht im Getriebe des Alltags.
Es ist ein Privileg, das nicht jedem so gegeben und möglich ist. Ich weiß, dass der allergrößte Teil derer, die diese Zeilen lesen, sich nicht einfach so aus ihrem Alltag herauslösen können. Oder zumindest wäre es äußerst kompliziert und es wäre mit sehr vielen Opfern verbunden; bei sich und bei anderen.
Deshalb verstehe ich mein Privileg auch als Verantwortung. Ich möchte dich mit diesen Gedanken ein wenig teilhaben lassen, an meinen Erfahrungen der letzten Tage.
 
Viele kennen das außergewöhnliche Zisterzienserkloster Poblet, herrlich gelegen in der Conca (Mulde) de Barberà, zwischen Tarragona und Lleida, in Mitten von zahlreichen Weinfeldern. Die Gründung geht auf das 12. Jahrhundert zurück. Es wurde, wie einige andere Klöster dieser Gegend, errichtet, um nach der Vertreibung der Mauren die Bevölkerung wieder zu evangelisieren. Aber nicht nur das Evangelium haben die Mönche den Menschen verkündet und vorgelebt, über Jahrhunderte hat das Kloster Neu-Katalonien und sogar ganz Katalonien kulturell geprägt. Außerdem war die Klosterkirche lange Zeit Grabstätte für die katalanischen Könige, angefangen von Jaume I bis in die Barrock-Zeit. Neun Jahrhunderte strahlt der Geist von Poblet nun auf Katalonien aus. Allerdings gab es auch eine bittere Unterbrechung von einem Jahrhundert, als bei der Säkularisation 1835/36 die Mönche vertrieben und das Kloster völlig zerstört und geplündert wurde. Vor knapp 75 Jahren wurde es aber wieder von Zinsterziensermönchen neubesiedelt und erlebt seitdem einen geistigen und architektonischen Wiederaufbau.
 
Jeder Winkel, die Gänge, Höfe, Räume, ja jeder Stein strahlt etwas von der bedeutungsvollen Geschichte dieser riesigen Anlage aus. Eine faszinierende Würde ist zu spüren. Jeder Besucher wird sofort von der respekteinflößenden Atmosphäre ergriffen. Und vor allem: Alles ist geprägt von einer nicht mehr überbietbaren Schlichtheit. Die Architektur ist fast vollständig beschränkt auf das Notwendigste. Kein Zuviel, fast keine Ornamentik. Zisterzienserische Romanik und Gotik in Reinstform.
 
Und gerade darin bilden die Architektur von Poblet und die darin lebenden Mönche anscheinend eine völlige Einheit. Auch bei den Mönchen: Jeder beschränkt sich auf seine Aufgabe, keiner muss etwas beweisen, kein Vergleich oder Wettbewerb, kein Modeklüngel. Alles und jeder beschränkt sich ganz auf das Hier und Jetzt und durchbricht damit gleichzeitig jede Grenze von Raum und Zeit. Das schafft Frieden, Harmonie und Stille. Und in dieses Ambiente eintauchen und andocken zu dürfen, das schenkt Ruhe und Frieden.
 
Ja, die Stille, die Ruhe und der Frieden ist das, was mich am meisten fasziniert und aufgebaut hat in Poblet. Aber anscheinend nicht nur mich, sondern auch die Mönche und die zahlreichen Gäste. So zum Beispiel auch Josep Pla, dem großen katalanischen Literaten und Freund des Klosters. Er schreibt:
 
Die Stille
 
Einer der höchsten Werte und der große Reichtum des Klosters Poblet ist die Stille, die vor allem in der Klausur herrscht.
Es ist eine Stille, die den Augenblick besiegt und den Geist über die ursprüngliche Zeit hinwegträgt. Im Fortschreiten der Zeit verschwindet der Augenblick im Flug, sofort, und es gibt nichts mehr als Gegenwart und Zukunft. die Vergangenheit neigt dazu, sich zu verflüchtigen und der Vergessenheit anheim zu fallen. Die Zukunft ist illusorisch, und insofern ist sie selbst Realität. Lasst uns doch schauen, lasst uns das nur immer mögliche tun damit Poblet das intensivste Bild der Illusion sei. Wenn wir diese Illusion nicht haben, was haben wir dann? Lösen wir uns doch einmal von der niedrigen Gewöhnlichkeit. Leben wir doch von der Illusion, von der höheren Wahrheit dieser eindrucksvollen Stille. Die Stille von Poblet ist erfüllt von unbestimmbaren Wohlklängen, die aus der Vergangenheit und aus der Zukunft herrühren. Es ist schwierig, zu bestimmen, worin sie bestehen, sie zu erklären, weil es sich um verschiedene Persönlichkeiten handelt. die Gegenwart ist ein augenblicklicher Schall, der entflieht wie der Wind. Die Vergangenheit ist die Geschichte – wunderbar durch viele Jahrhunderte. Unser Land ist überladen von Zerstörungen. Poblet, das so schändlich zerstört worden war, hat man wiederaufgebaut. Die zarten Wohlklänge der Stille haben vollkommen ihre Wirkung getan. Die Erläuterung, die ich für die Stille gegeben habe, erklärt alles. Die Stille ruft die scharfsinnigsten und vielfältigsten Formen der Melancholie hervor, – und dieser Zustand des Geistes regt das Leben und das Handeln an. Im Zeitpunkt der Melancholie hat der Mensch wahrscheinlich die stärkste Urteilskraft seines Lebens.
Die Stille von Poblet ist ein Werk Gottes, und aus diesem Grund ist ihre Wirkung unermesslich groß.“
 
Mehr über die Stille
 
Eines Tages nahm mich der Abt zum Essen mit ins Refektorium; ich saß an seiner Seite in Anwesenheit der Mönche. Mir fiel auf, dass alle aßen, ohne ein Wort zu sprechen. Weitere Einladungen habe ich nicht mehr angenommen weil ich ein unverbesserlicher Quasselkopf bin. In der Klausur herrscht ununterbrochene Stille. Anfangs hat mich das überrascht. Inzwischen habe ich mich schon ein wenig daran gewöhnt und finde sie gut. Die Unruhe, der Lärm mindert das Gedächtnis, schadet dem Geist und verdummt die allermeisten. Die Stille, die Einsamkeit stärkt das Denken. In Poblet hört man den Gesang der Vögel oder, wenn es einen Brunnen in der Nähe gibt, das Plätschern des Wassers. Die Stille verwandelt sich in die echte Wirklichkeit. Manchmal sehe ich einen Mönch vorüberkommen, er geht seines Weges unbeirrbar, schnell. Ich grüße ihn. Er grüßt mich. sonst nichts. Das Kloster in seiner Vielfalt erfordert, dass nicht einmal ein Augenblick verloren gehe. Manchmal meint ein Besucher mit seinem von der Welt geprägten Sinn, dass die Situation ein wenig beklemmend sei. Darüber kann man geteilter Meinung sein. Ich selbst glaube es nicht mehr. Ein kleiner Rat: Wenn ihr nicht auf die Unruhe und den Lärm verzichten könnt, geht nicht nach Poblet! Ihr werdet dort nichts verstehen. Eure nichtssagenden, unbedeutenden, nutzlosen Geschichten passen nicht in dieses Kloster. Es ist eine andere Welt, eine andere Wirklichkeit, viel menschlicher und besser.
 
(aus: Josep Pla, Grundlegender und volkstümlicher Führer des Klosters Poblet, Tarragona, 1988, 2. Auflage)
 

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